Berlin : Senat fördert Fortbildung für Imame

Bundesweit einmaliges Projekt soll muslimische Geistliche befähigen, ihren Gläubigen kompetenter bei Alltagsproblemen zu helfen

Claudia Keller

Am Donnerstag tagt der Integrationsgipfel bei der Bundeskanzlerin. Eine der großen Fragen wird sein, wie Migranten bei der Lösung von Problemen beteiligt werden können, etwa im Bildungsbereich. Berlin zeigt einen Weg. Mit einem deutschlandweit einmaligen Projekt will der Senat Berlins Imame fortbilden, damit sie ihren Gemeindemitgliedern besser bei Alltagsproblemen helfen können. Die Geistlichen sollen Familienstreit schlichten, eingreifen, wenn Jugendliche Drogen nehmen, die Schule nicht schaffen, keinen Arbeitsplatz finden. Aber viele Prediger sind damit überfordert, weil sie aus anderen Kulturkreisen kommen und mit den Gegebenheiten in Berlin nicht vertraut sind.

Deshalb will der Senat Imamen, Seelsorgern und Koranlehrern in einem Weiterbildungsprogramm „gesellschaftspolitische Kompetenz mit spezieller Berlin-Ausrichtung“ vermitteln. Geplant ist ein Kurs, der über 30 bis 40 Wochen läuft, 2, 5 Stunden pro Woche. Das vorläufige Konzept, das Günter Piening, der Integrationsbeauftragte des Senats, zusammen mit der Muslimischen Akademie erarbeitet hat, sieht den Unterricht in Berliner Geschichte vor, mit den Schwerpunkten Nationalsozialismus und die Jahre der Teilung. Auch sollen die Imame lernen, wie die Behörden der Bezirke und des Senats aufgebaut sind, wie das Schulsystem funktioniert und welche Institutionen bei häuslicher Gewalt oder der Arbeitsplatz- und Lehrstellensuche helfen. Neben der Theorie sind Exkursionen geplant, zum Beispiel in den Reichstag, zur Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen oder der Besuch in einer Synagoge. Es gehe darum, „Sensibilität für die Stadt zu entwickeln“.

„Es ist richtig, dass der Senat auf die Imame zugeht. Die Imame sind wichtige Ansprechpartner“, sagt Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD). Auch Innensenator Ehrhart Körting (SPD) unterstützt das Programm sehr. „Wir müssen die Imame noch mehr integrieren“, sagt er. Dazu gehöre, dass sie soziale Kompetenz erwerben und sich besser im Berliner Leben auskennen. Auch Sozialsenatorin Heidi Knake Werner (Linke) ist angetan: „Alles, was Imame interkulturell weiterbildet, kann nur von Nutzen sein.“ Aber der Kurs müsse Hand und Fuß haben.

Die Idee ist im Islamforum entstanden, sagt Günter Piening. Die Moscheevereine hätten selbst nicht die Kraft, eigene Weiterbildungskurse anzubieten. Eigentlich müssten die Imame, die vom türkischen Religionsministerium für jeweils vier Jahre nach Deutschland geschickt werden, schon in der Türkei besser vorbereitet werden, drei Monate reichen nicht, sagt Hüseyin Midik vom Vorstand der Ditib, einem Ableger des türkischen Religionsministeriums. Aber da dies nicht geschehe, sei das geplante Weiterbildungsprogramm des Senats sinnvoll.

Im Moment beschäftigt die Ditib zwölf Imame und eine Theologin in Berlin. „Es ist ein Problem, wenn ein Imam aus Ägypten Berliner Muslimen Ratschläge für ihren Alltag geben soll, sich aber nur mit der ägyptischen Gesellschaft auskennt“, sagt Faical Salhi vom Interkulturellen Zentrum für Dialog und Bildung in Wedding. „Wenn er hier lebt, muss er sich mit unserem Rechtssystem auskennen, er muss auch wissen, worüber hier diskutiert wird, damit er aktuelle Themen in seinen Predigten ansprechen kann.“ Außerdem habe ein Imam eine große Autorität. „Wenn so jemand sich mit der Geschichte Berlins beschäftigt, dann macht das großen Eindruck, dann wird das nachgeahmt.“ Die Imame sollen auch bei sozialen Fragen Rat geben, sagt Burhan Kesici von der Islamischen Föderation.

Selbst die Oppositionsparteien im Abgeordnetenhaus reagieren positiv. Özcan Mutlu (Grüne): „Imame sind eine wichtige Instanz im Leben der Muslime, die haben viel Einfluss.“ Auf lange Sicht aber sollten die Geistlichen an Berliner Universitäten ausgebildet werden, damit auf Import-Imame verzichtet werden kann. „Wichtig ist, dass Imame ihre Funktion als Berater ernst nehmen und auch schwierige Themen wie Zwangsheirat angehen“, sagt die FDP-Politikerin Mieke Senftleben. Die CDU-Abgeordnete Emine Demirbüken-Wegner ist erfreut, dass der Senat endlich erkenne, wie wichtig die Ausbildung der Imame sei. Die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung bilde schon seit Jahren in der Türkei Imame aus.

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