Berlin : Senat garantiert 70 000 Schalensitze für das Olympiastadion

AXEL BAHR

Der Senat hat gestern zugesichert, daß er das für Hertha BSC drohende Desaster in der Champions-League abwenden und die Ausstattung des Olympiastadions mit Schalensitzen sicherstellen werde. Unabhängig vom Ergebnis einer Stadion-Besichtigung durch die Uefa-Kommission am 29. Juni könne sich Hertha BSC auf den termingerechten Einbau der rund 70 000 Sitze verlassen. Die Kosten werden sich entgegen ersten Schätzungen um fünf auf elf Millionen Mark erhöhen. Der Senat hob gestern erwartungsgemäß das Investorenauswahlverfahren für das Olympiastadion formell auf. Er wird nun mit vier Konsortien individuell weiterverhandeln.

Das Management von Hertha BSC war zunächst in Alarmstimmung, nachdem eine Intervention des DFB für eine Verlängerung der Ausnahmegenehmigung für die Arena bei der Europäischen Fußball-Union (Uefa) erfolglos geblieben war. Hertha-Manager Dieter Hoeneß bezeichnete es als eine "Katastrophe", falls der Verein bei seinem ersten Spiel in der Champions-League am 10. oder 11. August auf ein anderes Stadion ausweichen müßte. Gegenüber dem Verein habe Sport-Staatssekretär Klaus Löhe (SPD) die Zusage gemacht, der Senat wolle sehr unkonventionell und schnell reagieren, so Hoeneß. Es müsse schnell gehandelt werden, da ansonsten ein Imageverlust für Berlin drohe, so Löhe.

Diese Zusicherung wurde kurz danach von Bausenator Jürgen Klemann (CDU) relativiert, da "Herr Löhe keine Zusagen gegenüber Hertha machen kann". Klemann sagte aber, der Senat sei auf den Alarmfall vorbereitet. Kritische Töne gegenüber den internationalen Fußballverbänden verböten sich derzeitangesichts der Bewerbung Deutschlands um die Weltmeisterschaft 2006, sagte Klemann. Die Kosten für die 70 000 Schalensitze beliefen sich aber nicht auf sechs, sondern auf elf Millionen Mark - vorausgesetzt, die Sitze würden nach der Modernisierung des Olympiastadions wiederverwendet. Wie es hieß, haben bereits mehrere Firmen angeboten, den Einbau der Sitze in sechs bis acht Wochen zu bewerkstelligen. Eine Ausschreibung soll kurzfristig erfolgen.

Ungeachtet aller ungelösten finanziellen Fragen hat der Senat das Investorenauswahlverfahren für einen Investor und Betreiber des Olympiastadions aufgehoben und wird mit den Konsortien Hochtief, Walter Bau, Philipp Holzmann sowie dem französischen Anbieter GFM individuell weiterverhandeln. Grundlage aller Gespräche bleiben die architektonischen Vorgaben für eine multifunktionale Arena des Planungsbüros Gerkan, Marg und Partner (gmp), das noch vor einer Investorenentscheidung auch den offiziellen Planungsauftrag erhalten soll. Klemann stellte gestern klar, daß nunmehr jegliche Überlegungen für einen Stadionneubau vom Tisch sind. Das gmp-Konzept sei verbindliche Grundlage aller weiteren Planungen.

Allerdings werde Hertha BSC mehr als in der Vergangenheit in die Modernisierungskonzepte eingebunden, hieß es. Erste Folgerung sei, daß die Anzahl der Logen als zentraler Punkt der Vermarktungsmöglichkeiten auf zunächt 70 erhöht werde. Große Kopfschmerzen bereitet dem Senat aber noch die Finanzierung. Von Seiten des Bundes sei noch einmal klargestellt worden, daß es bei den zugesicherten 100 Millionen - und keiner Mark mehr - bleibe. Geht man von weiteren refinanzierbaren 150 bis 180 Millionen Mark aus, besteht eine Finanzierungslücke für das Projekt in von Höhe von rund 300 Millionen Mark. Wie eine Deckung zustandekommt, weiß zur Zeit so recht niemand. Klemann wie auch Sportsenatorin Ingrid Stahmer (SPD) signalisieren, daß Berlin wohl an einem höheren finanziellen Beitrag nicht vorbeikommen wird. Auch Hertha BSC müsse sich "umsatzabhängig" an den Kosten des Stadion-Umbaus beteiligen. Ebenfalls sei eine Erhöhung der Mietzahlungen unumgänglich. An die Adresse des Präsidenten des Deutschen Sportbundes, Manfred von Richthofen, sagte Bausenator Klemann: "Der Freiherr soll sich lieber darum kümmern, große Events ins Olympiastadion zu holen." Richthofen hatte das Investorenverfahren als "schlampig" bezeichnet.

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