Berlin : Senat vor Machtprobe mit der BVG

Klaus Kurpjuweit

Der neue Senat steht in der Verkehrspolitik gleich vor einer Machtprobe. Während sich SPD und PDS in ihrem Koalitionsvertrag dafür ausgesprochen haben, die Tarife im Nahverkehr "dauerhaft zu reduzieren", will die BVG die Preise zum 1. August erhöhen. Genehmigt werden die Tarife von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Allerdings fährt der BVG die Zeit davon. Auch auf der jüngsten Sitzung des Aufsichtsrates ist kein Beschluss zu einer Tarifänderung gefasst worden. Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) will deshalb jetzt auf Grundlage der bestehenden Tarife den VBB-Unternehmen aktualisierte Berechnungsgrundlagen übermitteln. Nachträgliche Änderungen wären dann aufwendig und teuer.

Eingeführt wird im August auf jeden Fall wieder die im vergangenen August abgeschaffte Kleingruppenkarte, mit der bis zu fünf Personen gemeinsam fahren können. Sie soll zweieinhalb Mal so teuer sein wie eine Tageskarte, die derzeit im Stadtgebiet 6,10 Euro kostet. Unabhängig von Tariferhöhungen ist es auch möglich, das so genannte Power-Pricing zu starten. Dabei sinkt der Preis um so mehr, je mehr Käufer sich finden. Erwogen wird dabei eine Art Versteigerung im Internet.

Die BVG hatte bereits im Dezember im VBB beantragt, die Preise zu erhöhen. Die Gremien hatte ihre Entscheidung dann aber auf Januar vertagt. Für die nächste Sitzung des VBB-Aufsichtsrates Ende des Monats liegt noch kein neuer Erhöhungsantrag vor. Da die Bahn aber nach ihren Angaben etwa ein halbes Jahr Zeit braucht, um neue Tarife in ihr System zu integrieren, bleibt kaum Zeit. Die Bahn und die S-Bahn wollen die Tarife ohnehin in diesem Jahr nicht erhöhen.

Mehreinnahmen haben beide durch Fahrgastzuwächse erreicht. Allein die S-Bahn steigerte im vergangenen Jahr die Zahl der Fahrgäste von 291 Millionen auf 296 Millionen. Auch in diesem Jahr, in dem am 16. Juni der S-Bahn-Ring zwischen Gesundbrunnen und Westhafen geschlossen wird, ist eine weitere Steigerung der Fahrgastzahlen geplant. Auch mit der BVG sind mehr Fahrgäste gefahren als im Vorjahr.

Die BVG soll nach dem mit dem Senat geschlossenen Unternehmensvertrag ihre Einnahmen durch Tarifsteigerungen und durch eine Zunahme der Fahrgastzahlen steigern. Nach einem Beschluss des Aufsichtsrates soll sie ihr Sanierungskonzept anhand der aktuellen Entwicklung jetzt neu berechnen. Generell hält der Aufsichtsrat die Tarife in Berlin für zu niedrig.

Mit drastischen Erhöhungen haben die Verkehrsbetriebe allerdings schlechte Erfahrungen gemacht. Nach einem Sprung bei den Preisen für Tageskarten von 8,70 Mark auf 12 Mark im Stadtgebiet AB am 1. August 2001 ging der Absatz dieser Karten bei der BVG um 60 Prozent zurück. Die BVG wollte mit der Erhöhung vor allem die "vorhandene Zahlungsbereitschaft der Touristen abschöpfen". Diese wichen aber auf die Welcome-Card aus, die drei Tage gilt und ermäßigte Eintritte in Museen einschließt. Hier nahm der Verkauf um 92 Prozent zu. Zum 1. Januar haben die Verkehrsbetriebe den Preis jetzt von 32 Mark (16,36 Mark) auf 18 Euro erhöht. Alle anderen Tarife wurden abgerundet.

Kommt es doch noch zu einer Erhöhung, würde nach den Vorstellungen der BVG der Preis für den Einzelfahrschein von 2,10 Euro auf 2,15 Euro steigen. Eine Bezahlung mit 5-Cent-Münzen ist derzeit in den neuen Automaten der S-Bahn gar nicht vorgesehen. Bleibt es bei den alten Preisen, können sich die Fahrgäste aber auch nur beschränkt freuen. Die ausgefallene Erhöhung werde dann im nächsten Jahr nachgeholt, heißt es bei der BVG. Oder der Senat hält sich an die Koalitionsvereinbarung und senkt die Preise doch dauerhaft.

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