Berlin : Senat will Industriedenkmal abreißen

Frühere AEG-Halle in Oberschöneweide ist verseucht. Hochschule plant Neubau

Christian van Lessen

Mit 100 Metern ist die einstige AEG-Fernmeldekabelfabrik eine der längsten Hallen Berlins. Der leere Klinkerkoloss an der Spree in Oberschöneweide ist ein verwahrlostes Zeugnis alter Industriearchitektur. Die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW), die im nächsten Wintersemester ihr neues Areal an der Wilhelminenhofstraße bezieht, wollte das Baudenkmal für Labors und Büros umbauen. Nun ist der Abriss des Baudenkmals geplant. Wegen „gravierender Ölverseuchung“.

Ein Neubau wird nach Auskunft der Senatsbehörde für Stadtentwicklung, der Bauherrin, kostengünstiger. Allein die Beseitigung der schweren Öl-Kontamination dürfte sonst vier Millionen Euro zusätzlich kosten. Manfred Kühne von der Obersten Denkmalschutzbehörde will „schweren Herzens“ einem Abriss zustimmen. Für eine Sanierung müssten sämtliche Decken entfernt und die Fassade vollständig ausgetauscht werden. Der Senat messe der Halle des Architekten Erich Ziesel hohen Denkmalwert bei, müsse aber auf die Kosten und das „erhebliche öffentliche Interesse an der zügigen Ansiedlung der FHTW“ achten. Es dürfe keine Verzögerungen mehr geben.

Der Vorsitzende des Landesdenkmalrats, Adrian von Buttlar, ist über den geplanten Abriss entsetzt. Er appelliert an die Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD), noch Zeit für eine andere Untersuchung zu lassen. Es sei ein „kardinaler Verfahrensfehler“, wenn das mit dem Umbau beauftragte Architekturbüro Nalbach und Nalbach nun einen Neubau errichten dürfe. Gernot Nalbach wiederum betont, das Büro sei nach einer Ausschreibung vom Senat mit der Gesamtplanung beauftragt. Im November habe die Gesellschaft für ökologische Bautechnik überraschend den dramatischen, krebsfördernden Verseuchungsgrad festgestellt. Länger als 15 Minuten dürfe man sich hier nicht aufhalten. Sein Büro habe auch konstruktive Mängel ermittelt, die horizontale Festigkeit fehle. Nach dem „Todesurteil“ für die Halle habe er sofort eine neue entworfen. Sie werde ähnlich aussehen, etwas niedriger und fünf Meter kürzer sein.

Gunter Jancke von der Bürgerinitiative „Organizing Schöneweide“ sagt, es gebe genügend alte Hallen im Stadtteil. „Wichtig ist, dass die FHTW kommt. Wir brauchen positive Signale, keine rückwärtsgewandten.“

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