Berlin : Senat will private Horte abschaffen

Neues Konzept: Elterninitiativen und freie Träger sollen sich vor allem um kleine Kinder kümmern

Susanne Vieth-Entus

Der Senat will Elterninitiativen und freien Trägern die Hortbetreuung wegnehmen und in die Verantwortung der Schulen verlagern. Dies geht aus einem Bericht des Senats an das Abgeordnetenhaus hervor, der dem Tagesspiegel vorliegt. Demnach sollen sich die freien Träger ab Sommer 2005 auf den vorschulischen Bereich konzentrieren. Dies aber ist bislang nicht mit den Trägern abgestimmt worden, wie der Paritätische Wohlfahrtsverband gestern kritisierte.

„Es herrscht Verunsicherung, Entsetzen und Wut“, beschreibt der zuständige Referent des Paritätischen Wohnfahrtverbands, Martin Hoyer, die Stimmung, seitdem Jugend-Staatssekretär Thomas Härtel (SPD) bei einer Veranstaltung des „Bündnis für Kinder“ am Dienstagabend die Absicht des Senats erläutert hat. Obwohl der Senat vom Abgeordnetenhaus ausdrücklich aufgefordert worden war, das Gesamtkonzept für die Ganztagsbetreuung von Grundschulkindern „in Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe“ zu erarbeiten, sind die freien Träger der Jugendhilfe offenbar kaum einbezogen worden. Dies ist umso verwunderlicher, als der Senatsbericht konkret in die Belange der freien Träger eingreift. Eindeutig ist im Bericht zu lesen, dass die freien Träger „alle Hortplätze an die Schule abgeben“ und nur noch die Kitakinder betreuen sollen.

Wie diese drastische Umstrukturierung innerhalb von nur eineinhalb Jahren zu bewerkstelligen ist, ist nicht absehbar. Thomas John, Sprecher von Jugendsenator Klaus Böger (SPD), versuchte gestern erstmal, die Wogen zu glätten mit dem Hinweis, es handele sich um einen „Prozess“. Allerdings gibt John zu, dass es sich für die freien Träger möglicherweise nicht mehr rechnet, Hortplätze anzubieten: Da geplant ist, dass alle Grundschulen bis mindestens 13.30 Uhr Betreuung anbieten, bliebe für die Horte oder Schülerläden der freien Träger nur noch die kurze Zeitspanne bis 16 oder 17 Uhr übrig, was weder personell noch pädagogisch Sinn macht.

Aus diesem Grunde fordern die freien Träger, dass ihre Erzieherinnen auch in die Vormittagsbetreuung der Schulen einbezogen werden – etwa im Frühhort bis 8 Uhr oder im Rahmen von Schulstationen. Ob dies möglich sein wird, steht noch nicht fest. Denn die Schulen sind gezwungen, erstmal die bezirklichen Erzieherinnen zu beschäftigen, deren Kitas an freie Träger übertragen werden.

Martin Hoyer hält das Senatskonzept insgesamt für „unausgegoren“. Und er sieht die Gefahr, dass die jetzt entstandene Verunsicherung dazu führt, dass sich freie Träger Hals über Kopf aus der Hortbetreuung zurückziehen und dann im kommenden Jahr wieder Hortplätze fehlen.

Nicht nur verunsichert, sondern empört sind jene Eltern, die mangels öffentlicher Betreuungsplätze gerade erst in Eigenregie Schülerläden gegründet haben. Für über 800 dieser neuen Hortplätze hatte das Landesjugendamt kürzlich die Finanzierung bewilligt. Nun aber müssen die Eltern erfahren, dass sie ihre liebevoll eingerichteten Räumlichkeiten schon 2005 wieder aufgeben und ihre Kinder an Schulhorte schicken sollen.

Die Jugendverwaltung sieht aber keinen Grund zur Panik. Zum einen werde es wohl Übergangsfristen geben, die es den Elterninitiativen erlauben, ihre Horte erstmal weiter zu betreiben. Zum anderen müssten die Eltern nicht fürchten, dass ihre Kinder in provisorischen Schulräumen landen: Die 147 Millionen Euro Bundesmittel, die Berlin aus dem Bauprogramm für Ganztagesschulen erhält, könnten laut John ausreichen, um die Mehrzahl der Schulen mit schöneren Aufenthalts- und Essensräumen auszustatten.

„Wenn man Ganztagsschulen will, geht das nicht ohne Veränderungen“, rechtfertigt Staatssekretär Härtel die Eingriffe bei den freien Trägern. Und er bestreitet nicht, dass das zumindest für die kleinen Schülerläden „ein Problem ist“.

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