Senatorin Dilek Kolat : Deutsch hat sie erst in der Schule gelernt

07.12.2011 11:23 UhrVon Werner van Bebber
Sie ist Berlins erste Senatorin mit türkischen Wurzeln: Dilek Kolat. Foto: dapd
Sie ist Berlins erste Senatorin mit türkischen Wurzeln: Dilek Kolat. - Foto: dapd

Die neue Integrationssenatorin Dilek Kolat will die Minderheiten in der Stadt fördern und fordern und selbst Vorbild sein. Berlins erste Senatorin mit türkischen Wurzeln hat aber auch einen strengen Ruf.

Nebenbei sagt Dilek Kolat etwas Neues über Integration in Berlin. Sie selbst wolle ein „Vorbild“ sein für Migranten in Berlin, erklärt die neue Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen. Die 44 Jahre alte Sozialdemokratin ist in der Berliner Politik die Erste, die das so sagen kann – und vor allem: will. Geboren in der Türkei, mit den Eltern nach Berlin gezogen, ohne Deutschkenntnisse eingeschult.

Und doch hat sie Wirtschaftsmathematik studiert, in einer Bank gearbeitet, ist nebenher SPD-Abgeordnete und Finanzfachfrau geworden und die erste Berliner Senatorin mit Migrationshintergrund: eine moderne Aufsteiger-Biografie und der lebende Beweis dafür, dass das Prinzip „Fördern und Fordern“, so einfach es klingt, sehr effektiv sein kann.

„Dieses Vorbild will ich als Senatorin auch leben“, sagt Dilek Kolat.

Integrationspolitik ist auch Ermutigung. „Bei mir war ganz wichtig, dass meine Eltern sich engagiert haben“, sagt Dilek Kolat. Und es habe deutsche Nachbarn gegeben, die „mich unterstützten“. Ihr erstes Buch, „Grimms Märchen“, habe sie von diesen Nachbarn bekommen – „die haben mit mir gelesen“, erzählt sie. Später habe ihr die „Durchlässigkeit“ der Gesamtschule geholfen, ohne die sie das Abitur nicht geschafft hätte. Eigentlich kein Wunder, dass Dilek Kolat Sozialdemokratin geworden ist.

Sie ist eine energisch wirkende Frau mit einnehmendem Lachen – bis die Finanzpolitikerin in ihr „Stopp“ sagt. Die Lobbyisten der Migrantenverbände sollten nicht erwarten, dass Geld in Zukunft reichlicher fließen wird. Kolat hat einen eher strengen Ruf. Und die Opposition wird sie beobachten. Vor ihrer Ernennung zur Senatorin hatte es Gerede gegeben. Verheiratet ist Dilek Kolat mit dem Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde in Deutschland und Geschäftsführer des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg, Kenan Kolat. Den Posten, so hat er angekündigt, werde er zum Jahresende aufgeben – Dilek Kolat soll nicht über Zuwendungen an eine Organisation entscheiden, in der ihr Mann arbeitet.

Ohnehin will sie sich nicht auf „Integrationssenatorin“ reduzieren lassen. Fragt man sie nach ihren Plänen, beginnt sie mit dem Ressort „Arbeit“. Sie will „existenzsichernde Löhne“ zum Thema machen – zu viele Menschen in Berlin leben von prekären Jobs und damit in dauernder Abhängigkeit von staatlichen Transfers. Da wird es, wie auch bisher, um Qualifizierung gehen. Auch will Kolat bei den Unternehmern für mehr Offenheit werben: vor allem für Frauen als Arbeitnehmerinnen  und als Arbeitskraft-Reserve in Zeiten des demografischen Wandels – und für Jugendliche mit Migrationshintergrund, wenn es um Ausbildung geht.

Da berühren sich die Ressorts, die sie führt: Manche Jugendliche müssen qualifiziert werden, um eine Ausbildung antreten zu können, das weiß Dilek Kolat. Aber, sagt sie, „die Unternehmen müssen sich öffnen“. Die Berliner Verwaltung gehe da voran: „Im öffentlichen Dienst ist es uns mit der Kampagne ,Berlin braucht dich!‘ gelungen, den Anteil der Ausbildungsplätze für Migranten seit 2006 von acht auf knapp zwanzig Prozent zu steigern.“

Das ist Dilek Kolats Credo: „Wenn Teilhabe möglich und gewollt ist, löst sich ein Großteil der Integrationsprobleme von selbst.“ Das beginnt mit den Kindern und der Sprachförderung in den Kitas. Berlin habe mit kostenlosen Kitas, Förderprogrammen und Sprachstandstest ein Jahr vor Schulbeginn gute Voraussetzungen geschaffen, sagt Kolat. Nun wolle sie den Fokus auf „messbare Ergebnisse“ bei der Sprachförderung legen.

Da schimmert bei Kolat ihre Aufsteigerinnen-Erfahrung durch. Vielleicht tut das der Berliner Debatte über Integration richtig gut: dass Förderprogramme sich auch bewähren müssen – sonst sind sie Polit-Make-up.

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