Berlin : Senatorin Junge-Reyer

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Der „Laden“, den sie führt, ist für die Berliner Wirtschaft von eminenter Bedeutung. Jedes Jahr bewegt sie mit ihrer Behörde und den 2600 Mitarbeitern ein Haushaltsvolumen von zwei Milliarden Euro. Drei Viertel davon sind Investitionen, die nochmals bis zu einer Milliarde Euro zusätzlich Umsätze in Berlin auslösen. Das Ressort umfasst Bauen, Wohnen, Verkehr, Forsten und Umwelt. Diesen weiten Bogen von Aufgaben findet sie „richtig spannend“: Die Konflikte zwischen Verkehr und Umwelt zu lösen oder die landeseigenen Wohnungsgesellschaften danach zu sortieren, welche davon privatisiert und welche bei der Stadt bleiben sollen.

Dass sie, die Bauerntochter aus dem hessischen Breckerfeld, einmal an der Spitze einer so bedeutenden Behörde in Berlin stehen würde, war ihr nicht in die Krippe gelegt. Auf dem wenig ertragreichen 40Hektar-Hof musste sie, gerade zehn, nach dem frühen Tod ihrer Mutter in Haus und Stall kräftig mit „anpacken“. Ihr Motto „ein Stück Verantwortung übernehmen“ hat seine Wurzeln wohl in dieser schwierigen Zeit. Der Weg zum Gymnasium in Ennepetal war für sie hart: zwei Stunden Schulweg zu Fuß täglich.

Als junges Mädchen schon fand sie „alles hochinteressant, was es zu lesen gab“, vor allem Geografie und Geometrie. Diese wache Neugier auf Neues kennzeichnet ihren ganzen Lebensweg. Studium zur Pädagogin, nach fünf Semestern abgebrochen, Korrektorin im graphischen Gewerbe, Ausbildung zur Altenpflegerin, Leitung eines Seniorenheims in Kreuzberg, Kameralistin an der Verwaltungsakademie, Bezirksstadträtin für Soziales, Gesundheit und Finanzen in Kreuzberg und schließlich 1999 Staatssekretärin mit den Aufgaben Frauen, Finanzen und Personal.

Heute sitzt mir die attraktive, elegant gewandete Senatorin mit ihren kurzen rot getönten Haaren selbstbewusst und bestimmt im Garten des Cafés Einstein gegenüber. Zuhören kann sie, sagt man, und entscheiden. Ohne Zögern beantwortet sie die Frage, was sie in fünf Jahren für die Stadt erreicht haben will:

Erstens: Menschen aus aller Welt sollen nach Berlin kommen und hier Investitionen wagen. „Raumpioniere“ wünscht sie sich, die die vielfältigen Möglichkeiten in Baulücken nutzen. Zweitens: Gesundes Leben in der Innenstadt möchte sie, weniger Autos, mehr Straßenbahnen, Fahrmöglichkeiten auch für Alte und Arbeitslose. Drittens: Mehr private Investitionen in den Bestand. Dafür müssen die „viel zu vielen Vorschriften“ kräftig ausgedünnt werden. „Noch mehr loslassen“, das sei wichtig, aber in der Praxis schwierig. Im privaten Leben hat sie ihren Mann, Richter in Berlin, schon 25 Jahre nicht mehr losgelassen. Sie wohnen mit einem befreundeten Ehepaar in einer WG in Reinickendorf. So hat sie, der ihr Beruf nie Zeit für eigene Kinder gelassen hat, doch eine ganze Familie.

Heik Afheldt war Herausgeber des Tagesspiegels.

Ingeborg Junge-Reyer (58), Die Diplom-

Kameralistin ist

Senatorin für

Stadtentwicklung in Berlin und seit 1974 Mitglied in der sozialdemokratischen

Partei.

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