Berlin : Senioren: Und nachmittags gibt es Tee und Börek

Amory Burchard

Türkische Senioren haben jetzt einen Koffer mehr in Berlin. Das Deutsche Rote Kreuz und die Arbeiterwohlfahrt stellten gestern einen "Medienkoffer" vor, mit dem ältere Türken über die Arbeit von Seniorenfreizeitstätten und Altersheimen informiert werden sollen. Die erste Generation der Gastarbeiter, die vor 40 Jahren nach Deutschland kam, erreicht jetzt ein Alter, in dem zunehmend auch Betreuung und Pflege außerhalb der Familie gefragt ist. Auf die Welle türkischer Senioren seien die Einrichtungen schlecht vorbereitet, sagte die Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, Marieluise Beck gestern bei der Präsentation des Medienkoffers. Über Broschüren, Fotos und Videos sollen Sozialarbeiter, Altenpflegerinnen und ältere Migranten miteinander in Kontakt kommen. Auf beiden Seiten, so Beck, gebe es Barrieren. Boulevard Berlin:
Was die Stadt bewegt... Deutsche Mitarbeiter in Senioren-Freizeitstätten und -Wohnhäusern müssten lernen, auf die speziellen Bedürfnisse türkischer Senioren einzugehen, sagt auch Susanne Koch von der Fachberatung ältere Migranten. Statt Kaffee und Kuchen soll bei Seniorennachmittagen auch Tee und Börek angeboten werden. Ein Samowar neben der Kaffee-Maschine signalisiert: Hier sind auch türkische - oder russische - Mitbürger willkommen. Die von der Arbeiterwohlfahrt Berlin und von der Caritas getragene Fachberatung bereitet Mitarbeiter der Altenhilfe seit knapp zwei Jahren auf den Umgang mit türkischen und anderen ausländischen Senioren vor. Türkische Pflegekräfte und Sozialarbeiter für Seniorenprojekte gebe es noch viel zu wenige, sagt Susanne Koch. Ein anderes AWO-Projekt, die türkische Seniorengruppe im Begegnungszentrum in der Adalbertstraße (Kreuzberg), hilft da aus: Etliche ältere Ehrenamtliche begrüßen ihre betagten Landsleute mittlerweile in Kreuzberger Seniorenstätten, in den zuvor nur Deutsche arbeiteten und betreut wurden. Am wenigsten vorbereitet seien jedoch Seniorenheime auf den zu erwartenden Ansturm alter Türken und Türkinnen.

Die Politik sei bislang davon ausgegangen, dass türkische Pflegebedürftige von ihren Familien aufgefangen würden, sagt die Ausländerbeauftragte Marieluise Beck. Tatsächlich aber lebten 67 Prozent aller Türken über 60 Jahre in Deutschland allein oder zu zweit. Türkischen Senioren gehe es wirtschaftlich und gesundheitlich sehr viel schlechter als deutschen - als Folge der harten, schlecht bezahlten Arbeit in der Industrie. Auch die Trennung von der Heimat habe ihre Spuren zurückgelassen. Die bundesdeutsche Gesellschaft sei verpflichtet, für türkische Senioren bessere Bedingungen zu schaffen.

Manfred Ragati, Vorsitzender des Bundesverbandes der Arbeiterwohlfahrt, kündigte gestern eine Offensive für türkische Senioren an. Die AWO-Dienste sollen geöffnet werden, um ihnen die Schwellenängste zu nehmen. Die Mitarbeiter in der Altenpflege sollen motiviert werden, sich der Arbeit mit Migranten zu stellen.

Den Medienkoffer für die Begegnung mit türkischen Senioren können Freizeitstätten, ambulante Pflegeeinrichtungen und Pflegeheime beim DRK-Bundesverband (Migrationsarbeit) unter der Telefonnummer 85 404 131 gegen eine Kaution ausleihen. Die Fachberatung ältere Migranten von AWO und Caritas ist unter 695 35 619 zu erreichen.

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