Seniorensport : Fit für die Enkel

Sportkurse für ältere Menschen liegen im Trend, die Nachfrage steigt kontinuierlich, das Angebot wird immer vielfältiger. Der TSV Wittenau wurde bereits mehrfach für sein Seniorenprogramm ausgezeichnet.

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Trommelwirbel. Trainerin Heike Gottstein (vorne) und ihre Sportler beim Kurs „Fit ab 50“ in Wittenau.
Trommelwirbel. Trainerin Heike Gottstein (vorne) und ihre Sportler beim Kurs „Fit ab 50“ in Wittenau.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Breitbeinig steht Heike Gottstein vor dem großen Spiegel, die Trommelstöcke fest in den Händen. „Eins, zwei, drei, vier“, ruft sie und schlägt die Sticks hoch über ihrem Kopf zusammen – wie eine Schlagzeugerin, die ihrer Band den Rhythmus vorgibt. Die „Band“ aber, die folgsam hinter Gottstein einsetzt, trommelt mit ihren Sticks auf Gymnastikbällen und ist auch sonst eher ungewöhnlich besetzt. Niemand im Raum ist jünger als 58 Jahre und beim Trommeln geht es weniger um Musik, sondern um Bewegung.

„Fit ab 50“ heißt der Kurs des TSV Wittenau und das Trommeln nennt sich in der Fachsprache „Drums alive“ – ein Fitnesstrend, dem Heike Gottstein in ihren Sportkursen für Ältere besonders gern folgt. Die Nachfrage steige derzeit rapide, sagt sie – im Einklang mit der wachsenden Zahl der Älteren in Berlin. Viele von ihnen, sagt Heike Gottstein, wollen gern in Form bleiben, haben aber keine Lust auf die „normale Seniorengymnastik“.

In Berlin wird sich die Bevölkerungsstruktur in den kommenden Jahren stark verändern. Nach einer Prognose des Senats wird die Zahl der 65- bis 80-Jährigen in den nächsten zehn Jahren um 14 Prozent steigen. Viele von ihnen wollen verstärkt etwas für ihren Körper und die Gesundheit tun. Das haben auch die Vereine und Fitnessanbieter erkannt.

„Seniorensport ist ein sehr wichtiger Bereich für uns“, sagt etwa Katja Sotzmann vom Berliner Landessportbund. Zwar gebe es dabei noch immer einen Schwerpunkt im Bereich der Gymnastik oder der Rückenschule. „Aber die Senioren sind inzwischen in allen Bereichen vertreten“, sagt Sotzmann. Zum Beispiel sei auch Karate für Ältere inzwischen zum Trend geworden.

Die Gruppe des TSV Wittenau kommt langsam ins Schwitzen. Die Sportler haben die blauen Bälle auf umgedrehte Hocker gelegt, damit sie nicht wegrollen, und schlagen mit ihren Trommelstöcken mal rechts, mal links darauf ein. Dabei sind auch die Füße ständig in Bewegung: Zum Beat schneller Technomusik laufen die Senioren rhythmisch auf der Stelle oder verlagern das Gewicht von einem Bein auf das andere. „Das regt das gesamte Herz-Kreislauf-System an“, erklärt Heike Gottstein. „Gleichzeitig werden die Arme und der Rücken gestärkt und durch das Laufen auch die Kondition.“ Es ist anstrengend – doch Heike Gottstein achtet genau darauf, dass sich niemand überlastet.

Dennoch brennen Trainerin und Senioren nach zwanzig Minuten Trommeln die Hände. „Eine ganze Stunde wäre zu viel“, sagt Gottstein. Die 48-Jährige kombiniert die schnellen Einheiten deshalb mit Entspannungsphasen, in denen sich die Kursteilnehmer auf die Hocker oder Bälle setzen, um Dehn- oder Gymnastikübungen zu machen.

Der Bezirk Reinickendorf ist in Sachen Bevölkerungsstruktur einer der ältesten Berlins: Ein Viertel der Bewohner ist über 65 Jahre alt. Im Märkischen Viertel, das Ende der 1960er Jahre als Trabantenstadt entstand, ist diese Entwicklung besonders drastisch. Hier mietete der TSV Wittenau schon 1999 ein ehemaliges Waschhaus am Senftenberger Ring und baute es zur Sporthalle mit Schwingboden um. Kaum Stufen, eine behindertengerechte Dusche – alles ist hier ideal für Senioren ausgestattet.

Mehrfach ist der Verein bereits für seine Seniorenarbeit ausgezeichnet worden. Vom „Rostschutz“ bis zur Wohlfühlgymnastik bietet der Verein je nach Sporterfahrung die passenden Kurse auch für Ältere. Mehr als 30 Prozent der Mitglieder sind inzwischen über 50 Jahre alt, Tendenz stark steigend. Viele der Sportangebote des Vereins lassen sich über die Krankenkasse abrechnen. Wenn nicht, ist etwa der Trommelkurs mit vier Euro pro Stunde auch für Menschen mit wenig Rente erschwinglich. Und wer einmal mit dem Sport begonnen hat, sagt Gottstein, bleibt meist lange dabei.

Von den 15 Kursteilnehmern sind nur drei Männer. Erich Dehmel etwa kommt mit seiner Frau Marianne. Der 61-Jährige glaubt, dass sich viele Männer von Gymnastik abschrecken lassen. „Als ich jünger war, hätte ich das auch nie gemacht“, sagt er. Da war er jeden Tag mit dem Fahrrad unterwegs, ist viel gelaufen und Ski gefahren. Dann jedoch bekam er Probleme mit der Schulter und musste sich etwas Neues überlegen. „Das hier ist astrein“, sagt er nun. „Der ganze Körper ist in Bewegung. Es ist anspruchsvoll und richtig anstrengend.“

Und als Erich Dehmel sagt, es sei alles andere als „Rentnergymnastik“, bekommt er von Heike Gottstein gleich den Beweis geliefert: Zum Schluss setzt sie zu einem langen Trommelwirbel an. „Looooooos“, brüllt die Trainerin, und Dehmel, seine Frau und die anderen versuchen mitzuhalten. Sie prusten, die blauen Bälle wackeln. Erich Dehmel lässt einen seiner Stöcke fallen. „Was denn Erich, schon so schwach?“, ruft Gottstein. Schnell hebt Dehmel den Stock wieder auf und lacht. Den Schlusswirbel will er noch schaffen.

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