Sensation SEZ in der DDR : Ost-Berlins perfekte Welle

Im SEZ waren die Schlangen meistens lang und das Freizeitleben immer leicht. Eine Erinnerung.

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Hinter dem Gebäude erstreckt sich eine riesige Grünanlage. Auf die will Eigentümer Rainer Löhnitz nun Wohnhäuser bauen.
Hinter dem Gebäude erstreckt sich eine riesige Grünanlage. Auf die will Eigentümer Rainer Löhnitz nun Wohnhäuser bauen.Foto: IMAGO

Alle Stunde sprangen alle Kinder ins Wasser. Im großen Schwimmbecken begann dann die Sensation im Sport- und Erholungszentrum: das Wellenbad. Riesige Wellen rollten von einer Beckenseite auf die andere, und jeder, der mittendrin war und manchmal auch unter Wasser, versuchte am schnellsten gegen den Strom zu schwimmen. Eine Ostsee an der Landsberger Allee. Oder war das hier nicht schon fast das Mittelmeer?

Als Erich Honecker 1981 zur Eröffnung als Erster auf den Wellenknopf drückte, wurde das größte Sportzentrum Ost-Berlins „seiner Bestimmung als Haus sinnvoller Freizeitgestaltung übergeben“, wie die staatliche Nachrichtenagentur ADN stolz vermeldete. Und tatsächlich konnte die DDR stolz sein auf ihr SEZ. Denn es sah dank schwedischer Architekten so luftig und einladend aus wie höchstens noch der Palast der Republik. Und der war ja trotz aller Lampen und Restaurants irgendwie auch ein Herrschaftsgebäude.

Ein Rundgang im SEZ
2003 kaufte ein Investor das sanierungsbedürftige Gebäude und baute einen Teil davon wieder als Sportzentrum aus. Mittlerweile kann man wieder saunen, Volleyball, Badminton, Bowling und Tischtennis spielen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 16Foto: Kitty Kleist-Heinrich
24.06.2013 13:372003 kaufte ein Investor das sanierungsbedürftige Gebäude und baute einen Teil davon wieder als Sportzentrum aus. Mittlerweile...

Das SEZ dagegen war zum Toben da: Hier an der Leninallee (heute heißt sie Landsberger Allee) wurde Federball gespielt (heute heißt das hier Badminton), die Kinder rannten um Tischtennisplatten, die Eltern schoben eine ruhige Bowlingkugel. Und zwischen den Hallen konnte man auf Brücken wandeln und durch Fenster auf die Menschen schauen, die Freude am Spaß hatten. Im Winter lief die Schlittschuhdisko mit Hits aus dem Westradio, im Sommer konnte man auf der Rollschuhbahn sogar Skateboards ausleihen – die große weite Welt war hier ganz nah. Besser konnte es drüben im West-Berliner „Blub“ auch nicht sein.

Nur eine Sache wirkte immer ein bisschen ostig: Am Wochenende tanzten in der großen Turnhalle hunderte Frauen, viele Kinder und ein paar wenige Männer zu „Medizin nach Noten“ – Gruppengymnastik zu Hits, die ganz und gar nicht aus dem Westradio kamen. Das DDR-Fernsehen übertrug live.

Der Spaß war teuer und die Schlangen oft so lang, dass sie sich um das riesige bunte Haus schlängerten. Deshalb war ich mit meinen Eltern auch nicht oft im SEZ. Aber jeder Besuch war eine kleine Reise. Und alle Stunde eine Sensation besonders für die Kleinen: die größte Welle von Berlin.

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