Berlin : Sergei A. Schilkin (Geb. 1915)

Auf keinen Fall wollte er Betreiber einer Destille werden. Und wurde es.

Kerstin Decker

Er war ein Karlshorster wie du und ich, er berlinerte vorbildlich. Aber Sergei Apollonowitsch Schilkin hatte es doch ein wenig weiter nach Karlshorst als die meisten von uns.

Es kann nicht ganz falsch sein, als Sohn des Wodka-Hoflieferanten des Zaren zur Welt zu kommen. Im Winterpalais trank man Schilkin-Wodka. Es ist auch nicht schlecht, wenn der Wodka- Hoflieferant des Zaren zugleich leitender Angestellter der Westrussischen Dampfschifffahrtsgesellschaft ist. Ein Fachmann für alle Wasser der Erde, für die der (russischen) Seele und der weltweiten Ozeane gleichermaßen. Und dann hörte dieser Vater, aus Sibirien kommend, auch noch auf den nicht unbedingt russischen Vornamen Apollon. Der griechische Gott des Ausgleichs, des Ebenmaßes, kurz: aller Kultur. Und es spricht durchaus für ein gewisses Ebenmaß des Daseins, in einer Petersburger Fünf-Zimmer-Wohnung und auf einer Datscha in Finnland groß zu werden. Mit eigenem Kindermädchen. Die Frage ist nur, wann man das alles tut. Sergei war Jahrgang 1915. Ein ungünstiger Zeitpunkt. Noch zwei Jahre bis zur Oktoberrevolution.

Dass etwas nicht stimmte, merkte Sergei Apollonowitsch vielleicht zum ersten Mal, als genau die Stelle der Moika, wo sein bester Freund immer seinen Blechdampfer sinken ließ, bereits besetzt war. Da lag ein Kanonenboot der russischen Kriegsmarine. Auch bekam Familie Schilkin bald öfter Besuch, den sie gar nicht eingeladen hatte. Er stellte sich als „Rote Garde“ vor und nahm alles mit, was er gebrauchen konnte. Darum ließen Schilkins die Tür nun gleich offen, die Wodka-Fabrik hatten die Roten schließlich auch schon besetzt trotz geschlossener Türen – genau wie das Winterpalais.

Der Generaldirektor der Westrussischen Dampfschifffahrtsgesellschaft war weitsichtig genug gewesen, beim Ausbruch der Oktoberrevolution seinen Schiffen auf allen Weltmeeren Order zu geben, sich im Hafen von Liverpool einzufinden. Dort verkaufte er die Flotte und legte den Erlös bei der Bank von England an. Kann sein, dass die Bolschewiki solche Handlungsweisen als feindlich empfanden, aber sie hätten den Schilkins schon aus Prinzip keine Lebensmittelmarken gegeben. Auch der kleine Sergei war ein Angehöriger der parasitären Klasse und damit nicht lebensmittelkartenberechtigt – im Gegensatz zu seinem noch kleineren Bruder Dima. Denn der, geboren schon nach der Oktoberrevolution, galt bereits als legitimes Kind der Sowjetunion. Das ist die Zeitrechnung der Revolution.

Obwohl die Schilkins also ein legitimes Kind der Revolution zu ihrer Familie zählen konnten, überlebten sie nur wie man zu allen Zeiten die Großfanatismen überlebt: Weil es immer Menschen gibt, die sie unterlaufen. Der Retter der Schilkins war ihr alter Hausmeister, schon länger Mitglied der Bolschewiki, wie sich nun herausstellte. Er sorgte dafür, dass die „Rote Garde“ bei ihren Visiten nur die Wohnungseinrichtung und nicht die Schilkins mitnahm. Erst als der Hausmeister sagte, dass er nun nichts mehr für sie tun könne, wusste die Familie, dass sie sich beeilen musste.

Nizza. Was für ein Fluchtziel. Alle reichen Russen wollten nach Nizza, die Schilkins auch. Sergei fand das Fliehen komfortabler als er erwartet hatte. Sie flohen gewissermaßen von Schloss zu Schloss. Und dann lag auf halbem Weg nach Nizza Berlin, und weil ein anderer Russe Sergeis Vater erklärte, dass er als Sankt Petersburger sibirischer Abstammung die ewige Sonne über Nizza gar nicht aushalten würde, wurde aus Sergei Apollonowitsch Schilkin ein Karlshorster, Villenbewohner und Schüler des Kant-Realgymnasiums.

Die Westrussische Dampfschifffahrtsgesellschaft sicherte noch immer Sergeis postrevolutionäre Zukunft und hätte es wohl noch länger getan. Aber Vater Apollon Schilkin hatte eine Idee: Was, fragte er sich, sind 200 Berliner Schnaps- und Likörfabrikanten gegen den einstigen Wodka-Hoflieferanten des Zaren? Und er kaufte 1932 einen Gutshof in Kaulsdorf. Genau das Gelände, wo heute noch immer „Schilkin“-Spirituosen abgefüllt werden. Die denkwürdigen Liköre „Palmyra“ und „Alnat“ erschienen auf dem deutschen Markt.

200 Berliner Schnaps- und Likörfabrikanten? Das waren viel zu viele, erfuhr Apollon bald. Sergei war fortan ein bettelarmer Fabrikantensohn. Wenn ich eins unter keinen Umstanden werden will, dann ist das Betreiber einer Destille, dachte der spätere viertgrößte Spirituosenhersteller der DDR und studierte Maschinenbau an der Technischen Hochschule von Berlin, um gleich anschließend in den Krieg zu ziehen. An die Ostfront.

Als Mitglied der 17. Panzerdivision kämpfte Sergei Apollonowitsch Schilkin gegen die Rote Armee und sollte Kriwoj Rog vor den Russen retten. Das hat er nicht geschafft, aber er überlebte. Sergeis Bruder Dima fiel am letzten Kriegstag bei der Verteidigung der Zitadelle Spandau.

Den Schilkins ging es wie allen anderen auch: Sie hatten Angst vor den Russen. Also flohen sie zu den Amerikanern, aber die hielten das für einen Irrtum und schickten sie zurück. Und Sergei, der die letzten Kriegsmonate damit verbracht hatte, für den deutschen Endsieg zu forschen – der begabte Techniker entwickelte ein halbautomatisches Schweißverfahren für die V2 – stand wieder auf dem Kaulsdorfer Fabrikgelände seines glücklosen Vaters und ahnte noch immer nicht, dass eine große Zukunft im Zeichen des Alkohols vor ihm lag. Wodka statt V2! Denn bald sah die russische Kommandantur in dem revolutionsflüchtigen antikommunistischen Landsmann den unter allen Umständen zu fördernden Hersteller eines gewissermaßen klassenübergreifenden Getränks von äußerster Relevanz. Und wenn der Zar Schilkin-Wodka trinken konnte, würde er die Rote Armee nicht umbringen.

Aber woraus Schnaps machen? Sergei Apollonowitsch Schilkin erschien bei den Briten, die, da die Berliner den Tiergarten verheizt hatten, dort Topinambur anpflanzen ließen, eine brasilianische Futterpflanze, die schneller wächst, als man gucken kann. Ob er die ernten dürfe? Es entstand ein 55 prozentiger „Waldgeist“ von merkwürdig erdigem Geschmack. Viel später sollte Schilkins Branntwein „Jablados“ durch einen gewissen Paraffin-Beigeschmack auffallen. Denn irgendwann waren die 100 000 Kilogramm Apfelmus alle, die in mehreren Lastkähnen am Osthafen gelegen hatten und deren letzte Hoffnung Schilkin gewesen war. Das Mus war nicht direkt schlecht, aber ungenießbar, weil die Innenseiten der Fässer mit Paraffin bestrichen waren. Doch bei 70 Prozent Alkoholgehalt wird selbst ein Paraffin-Aroma zum Ereignis. Aus der Unfähigkeit des Sozialismus, Obst und Gemüse so zu transportieren, dass es beim Empfänger noch jenen Früchten und Knollen ähnelt, die der Absender losgeschickt hatte, machte Schilkin immer wieder bemerkenswerte Schnäpse.

Der Bürgersohn hatte sich anfangs sehr vor den Kommunisten gegruselt. Aber er konnte seine Fabrik doch nicht mitnehmen in den Westen. Also blieb er in Kaulsdorf – und expandierte und expandierte. Er nahm es Walter Ulbricht sehr übel, dass der ihm eine Staatsbeteiligung aufzwang und wurde später doch nie müde, die ökonomische Weisheit dieses Kommunisten zu loben. Denn erst Erich Honecker enteignete Schilkin – wie andere Mittelständler auch – ganz und verlieh ihm zu diesem Anlass den Vaterländischen Verdienstorden in Bronze.

Als die Wende kam, war Schilkin schon fast zehn Jahre Rentner. Die gleichen, die ihn einst enteigneten, fragten nun, ob er seinen alten Betrieb zurückwolle. Kein Orden diesmal. Und sie meinten: Mit nur etwas Unternehmerehre im Leib müsse er das wollen. Dabei hatte Schilkin wie so viele andere ostdeutsche Unternehmen fast keine Chance. Ein etwas größerer Betrieb braucht drei bis fünf Jahre, um seine Struktur neuen Bedingungen anzupassen. Die hatte er nicht. Die westdeutschen Firmen wussten das und wollten das Gelände der Firma kaufen. Ein Hamburger Holzgroßhändler war besonders hartnäckig. Zugleich verkaufte nur noch ab und zu der „Schilkin“-Pförtner eine Flasche Schnaps an vorübergehende Kaulsdorfer. Der neue Großhandel kannte keine ostdeutschen Firmen.

„Schilkin“ gibt es noch immer. Irgendwann rettete ihn der Anruf eines früheren Auftraggebers. Schilkin hatte schon immer für den westlichen Markt produziert, wie alle DDR-Firmen weit unter Marktpreisen, aber die ewig devisenknappe DDR glich den Verlust wieder aus.

Der alte Schilkin glaubte es kaum: Er sollte weiterproduzieren. Diesmal zu Marktpreisen. Es folgten manch kleines Wunder und harte Arbeit. 1992 stellte „Schilkin“ den teuersten Wodka der Welt her. 80 DM im KaDeWe. „Zarenwodka“. Was sonst? Kerstin Decker

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