Serie: 20 Jahre Einheit : Hier stimmt die Chemie

Als langjährige Mitarbeiterin der Adlershofer Pharmafabrik Berlin-Chemie ärgerte sich Iduna Dressel aus Köpenick einst über vorlaute Wessis. Doch ihr Kollege Gunnar Schnack gehörte nicht dazu. Der Steglitzer erkannte rasch, dass die DDR gute Fachleute hatte.

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Gunnar Schnack und Iduna Dressel vor dem Reinraum der Berlin-Chemie. Foto: Mike Wolff
Gunnar Schnack und Iduna Dressel vor dem Reinraum der Berlin-Chemie.Foto: Mike Wolff

Das Jubiläum der deutschen Einheit „haut uns nicht um“ – darin sind sich die 55-jährige Iduna Dressel aus Köpenick und ihr Kollege Gunnar Schnack (45) aus Steglitz einig, wenn auch aus verschiedenen Gründen. Die Feierlichkeiten wollen sich die Angestellten des Pharmaherstellers Berlin-Chemie nur im Fernsehen anschauen. Iduna Dressel sehnt sich zwar nicht unbedingt nach der DDR zurück, sagt aber, sie habe „weitgehend systemkonform“ gelebt. Gunnar Schnack hingegen litt als West-Berliner ständig unter dem Gefühl, eingesperrt zu sein. Für ihn war der Mauerfall das große Ereignis, das sein Leben veränderte; die Einheit blieb für ihn persönlich „nicht so wichtig“.

Am 1. Januar 2000 kreuzten sich die Wege der beiden bei Berlin-Chemie in Adlershof. Schnack trat seinen Job im wissenschaftlichen Außendienst an, und Dressel war als Personalreferentin „meine erste Anlaufstelle“. Privat befreundet sind sie nicht, aber als Kollegen verstehen sie sich gut. Und das war für Dressel im Umgang mit Westdeutschen nicht immer selbstverständlich. Als aus dem Volkseigenen Betrieb (VEB) Berlin-Chemie 1990 eine Aktiengesellschaft wurde, habe sie es „mit vorlauten Wessis“ zu tun bekommen, erinnert sie sich. „Die sagten uns, wir hätten nie ordentlich gearbeitet – und das, obwohl zum Beispiel eine Frau aus dem Westen nicht mal Netto und Brutto unterscheiden konnte.“

Mit einem anderen Bild der DDR trat Gunnar Schnack seine Arbeitsstelle an. Zuvor hatte der Diplom-Ingenieur für Biotechnologie bei Mannesmann gearbeitet: Ab 1992 gehörte er zu einem Team von Anlagenbauern, die ein Klärwerk in Waßmannsdorf bei Schönefeld errichteten. „Ohne den Osten hätte ich vielleicht keinen Arbeitsplatz gehabt, der große Bedarf dort war ein Jobmotor.“ Zudem beeindruckte ihn das Ingenieurwissen der Ost-Kollegen, die einen Großteil des Teams bildeten. In manchen technischen Belangen wie Richtlinien beim Anlagenbau sei die DDR der Bundesrepublik voraus gewesen, sagt Schnack.

Auch die Disziplin von DDR-Athleten beeindruckte den Freizeitsportler, der seit 30 Jahren Trampolinspringer beim SSC-Südwest und heute Landeslehrwart des Turnerbundes ist. Das wiedervereinigte Deutschland habe es „versäumt, vieles Gute zu übernehmen“, findet Schnack. Bei Berlin-Chemie bewarb er sich, nachdem der Mannesmann-Konzern 1999 zerschlagen worden war und alle Berliner Mitarbeiter ihre Jobs verloren hatten.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Iduna Dressel ihre schwerste berufliche Zeit schon hinter sich. Mit 16 Jahren hatte sie gleich nach dem Abitur bei Berlin-Chemie als Laborantin angefangen, die Arbeitsplätze schienen sicher. Doch von Anfang bis Mitte der 90er Jahre baute Berlin-Chemie tausende Jobs ab. Der italienische neue Eigentümer strich Geschäftszweige und konzentrierte alles auf den Pharmabereich. „Das war hart“, erinnert sich Dressel, „ich habe die Massenentlassungen ja mit bearbeitet. Es traf ganze Familien und Abteilungen.“ Erst später entwickelte sich Berlin-Chemie zum Vorzeigeunternehmen, das anhaltend wächst und aktuell rund 5000 Mitarbeiter hat.

Obwohl Iduna Dressel nahe der Berliner Mauer aufwuchs, störte sie sich nie daran und dachte nicht über die Teilung nach. Sie lernte nur wenige Westdeutsche kennen, die zur Verwandtschaft ihres inzwischen verstorbenen Ehemannes gehörten. Mangels Fernseher sah sie auch nie West-Fernsehen – und verschlief am 9. November 1989 den Mauerfall. Am nächsten Morgen jubelte sie nicht, sondern war beim Dienstbeginn „schockiert über die vielen fehlenden Mitarbeiter“. Erst Wochen später besuchte sie West-Berlin. Die Reisefreiheit schätzte sie dann vor allem im Urlaub: Nach Bulgarien, Rumänien und Russland lernte sie nun auch die Türkei, Mallorca, Marokko und Griechenland kennen.

Aus welchem Teil Deutschlands ihre Kollegen stammen, erfahren Dressel und Schnack heute nur noch selten. Es interessiert sie auch nicht. „Ob jemand Ossi oder Wessi ist, fragt man eher mal aus Spaß“, sagt die Personalreferentin. Bei Bewerbungen spiele die Herkunft keine Rolle, zumal Berlin-Chemie ein multikultureller Betrieb mit Beschäftigten aus rund 70 Nationen sei.

Die politische Entwicklung sieht Dressel kritisch: „Die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auseinander“, sagt sie. Privat ärgert sie sich über einen bürokratischen Umgang der Ämter mit ihrer pflegebedürftigen Mutter, zum Beispiel habe diese monatelang auf ein Pflegebett warten müssen. „Die Politiker sind sehr weit abgehoben.“ Entscheidungen wie die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke würden „oft zu schnell“ und über die Köpfe der Bürger hinweg getroffen.

Gunnar Schnack fragt sich im Rückblick, ob die Vereinigung zu früh kam: „Hätte man nicht erst zwei Systeme parallel haben können und das Volk entscheiden lassen?“. Nach einer Weile „wäre die Einheit doch ohnehin gekommen“, glaubt er.

Iduna Dressel zog einige Zeit nach dem Tod ihres Mannes zu ihrem heutigen Lebensgefährten nach Lichtenberg. Nur besondere Ereignisse wie die „Lange Nacht der Museen“ locken die Mutter zweier erwachsener Kinder manchmal in den Berliner Westen. Im Alltag bleibt sie meist in den östlichen Bezirken und kauft zum Beispiel im Marzahner „Eastgate“-Center ein. Das habe rein praktische Gründe, betont sie. Ähnlich ist es bei ihrem Kollegen Schnack, der in Steglitz „fußläufig zur Schlossstraße“ wohnt und sich daher meistens im eigenen Kiez bewegt. An Wochenenden aber macht er mit seinen Kindern gerne Ausflüge ins Umland – und ist dann immer wieder dankbar dafür, dass die Mauer endlich weg ist.

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