Serie: 20 Jahre Einheit : Kitas in Ost und West: Es lebe das Kollektiv

Kita-Leiterin Sylvia Kaschner aus Köpenick hat nach der Wende gemerkt: Die Ost-Erzieherinnen waren besser ausgebildet. Lilian Keck-Rudolph aus Wilmersdorf entsorgte 2007 in Prenzlauer Berg erstmal DDR-Literatur und setzte eines durch: Teamwork.

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Die Wilmersdorferin Lilian Keck-Rudolph (links) leitet eine Kita im Prenzlauer Berg. Sylvia Kaschner ist seit zwei Jahren Leiterin einer Kita in Schöneberg.
Die Wilmersdorferin Lilian Keck-Rudolph (links) leitet eine Kita im Prenzlauer Berg. Sylvia Kaschner ist seit zwei Jahren Leiterin...Foto: Thilo Rückeis

Was sie denn noch hier mache, fragten Kolleginnen Sylvia Kaschner am Tag nach dem Mauerfall. Sie fanden, die junge Mitarbeiterin solle sich schleunigst den Westteil Berlins ansehen. Die Eltern von Sylvia Kaschners Krippenkindern hatten ihre Jüngsten auch am 10. November 1989 in die Kita am Treptower Park gebracht. „Ein Großteil der Eltern ist aber nicht zur Arbeit gefahren, sondern nach West-Berlin“, erinnert sie sich. Immerhin: Der Nachwuchs wurde pünktlich wieder abgeholt. Sylvia Kaschner fuhr damals doch noch zum Übergang Baumschulenweg, und abends ging sie in Steglitz spazieren. „An dem Tag bin ich mit meinem Sohn ins Naturkundemuseum in der Invalidenstraße gefahren, Dinosaurier anschauen“, sagt ihre West-Kollegin Lilian Keck-Rudolph. Beide sitzen auf einen Kaffee in Kaschners Büro.

Ost und West sind im Leben von Sylvia Kaschner nach dem Mauerfall ziemlich schnell zusammengekommen: Auf den Spielplätzen rund um den Treptower Park, in Fortbildungen und in ihrer Kindertagesstätte, wo die in der DDR übliche Trennung zwischen Krippe und Kindergarten aufgehoben wurde. „Unsere Kita haben bald auch Kinder aus Kreuzberg und Neukölln besucht.“ Anfang 1990 hospitierte Kaschners Team in einer Neuköllner Kita. Die blieb ihr als sehr farbenfroh im Gedächtnis: „Ich erinnere mich an viele bunte Spielsachen und vollgestellte Räume.“

In ihrer DDR-Krippe gab es vor allem Holzspielsachen, heute würde man dazu vielleicht „Biospielzeug“ sagen. Und sie mussten vieles selbst machen. Gefremdelt hätten die Ost- und Westerzieherinnen damals aber nicht. „Es hat von Anfang an eine große Offenheit und viel Interesse gegeben.“ Und auch später hat Kaschner wenig Unterschiede zwischen sich und den Westkolleginnen festgestellt. „Bei älteren Kollegen mag das anders gewesen sein. Ich war noch sehr jung, und wir hatten ja bereits in Treptow vieles verändert.“ Beispielsweise die Kinder nicht mehr grundsätzlich zum Mittagsschlaf hingelegt.

1995 wechselte sie in eine Kita im Berliner Westen, weil es im Osten keine Ganztagsstelle mehr für sie gab. Sie schickte ihre Bewerbung an drei Bezirke – und hatte innerhalb einer Woche eine neue Stelle. Inzwischen leitet Sylvia Kaschner seit zwei Jahren die Kita Prellerweg in Schöneberg.

Lilian Keck-Rudolph kamen die ersten Ost-Erzieherinnen, denen sie begegnete, sehr kreativ vor. „Sie haben Kindern so viele Dinge ohne große finanzielle Mittel ermöglicht.“ Sie selbst organisierte mit ihrer damaligen Kita, der des Westendklinikums, eine Partnerschaft mit einer Tagesstätte im brandenburgischen Grünheide. Noch viel auffälliger fand sie eine weitere Eigenschaft ihrer Ost-Kolleginnen: „Sie waren sehr selbstbewusst.“ Weil ihr Beruf gesellschaftlich geachtet war. In Westen dagegen dominierten beim Beruf des Erziehers die Klischees: Ein Job für Leute, die es nicht weiter gebracht haben und am liebsten mit der Kaffeetasse auf der Bank sitzen, während die Kleinen spielen. „Dabei gab es auch im Westen sehr gute Kitas“, sagt Lilian Keck-Rudolph. Beneidet hat sie die Ost-Kolleginnen auch um ihr Grundwissen in Psychologie.

Im Osten war es nicht so einfach, an diesen Job zu kommen. „Auf meine Ausbildung bin ich sehr stolz“, sagt Sylvia Kaschner, die Überzeugung hat sich gehalten. In der DDR wurden Krippen- und Kita-Erzieherinnen unterschiedlich ausgebildet. Sylvia Kaschner absolvierte eine mittlere medizinische Fachschulausbildung und kann auch heute noch bei anatomischen Themen mitreden.

Grenzenlose Zusammenarbeit erlebte die 57-jährige Lilian Keck-Rudolph erst Ende 2007 so richtig. Damals bekam sie das Angebot, den INA-Kindergarten in Prenzlauer Berg zu leiten. Dafür verließ sie die West-Kita, in der sie mehr als 30 Jahre lang gearbeitet hatte – für sie persönlich durchaus eine Herausforderung. „Bis auf mich und meine Co-Leiterin waren am neuen Ort alle Mitarbeiterinnen aus dem Osten.“ Nach fast drei Jahren kann sie mit ihren Kolleginnen auch über alte Zeiten sprechen. „Am Anfang war das eher knifflig“, gibt sie zu. Als Lilian Keck-Rudolph 2007 ihren neuen Job im neuen Szenebezirk anfing, nahm sie in Absprache mit ihren Kolleginnen erst mal die Bücher über Volkspolizisten und den großen Bruder Sowjetunion aus den Regalen. Die gab es tatsächlich immer noch. „Diese Texte hatten doch nichts mehr mit der Lebenswelt unserer Kinder zu tun.“ Da kann Sylvia Kaschner nur staunen. „Solche Bücher haben wir in Treptow schon vor 20 Jahren aussortiert.“ Noch etwas anderes hatte sich in Prenzlauer Berg lange gehalten: Obrigkeitsdenken statt Teamwork. „Es wurde häufig gesagt, dieses und jenes müsse von oben entschieden werden.“ Dabei fand die neue Chefin mit dem Doppelnamen es wichtig, dass Entscheidungen gemeinsam gefällt und für die Konsequenzen gemeinsam Verantwortung übernommen wurde. Sie hatte Erfolg, das Team ließ sich darauf ein. „Und wenn mir eine Kollegin heute sagt, sie fühlt sich wohl im Kollektiv, dann freue ich mich.“

Berlins Kindertagesstätten haben sich seit der Wende weiter entwickelt. Lilian Keck-Rudolph ist froh, dass nun auch die Erziehung der unter Dreijährigen ins Blickfeld geraten ist und Kitas langsam auch als Bildungseinrichtung anerkannt werden. „Aber es gibt leider immer noch zu wenig Männer in diesem Beruf“, findet ihre Kollegin Sylvia Kaschner. Und noch eines findet sie schade: Viele, die heute die akademische Erzieherausbildung absolvieren, wollen hinterher gar nicht in einer Kita arbeiten. „Die studieren lieber weiter.“

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