SERIE BERLINER Chronik : 21. Juli 1961 Jahre Mauerbau

Fast 16 000 Menschen flüchten in der ersten Junihälfte aus der DDR

Überfüllt. Hunderte DDR-Flüchtlinge suchten im Sommer 1961 Zuflucht im Notaufnahmelager Marienfelde.Foto: dapd/AP
Überfüllt. Hunderte DDR-Flüchtlinge suchten im Sommer 1961 Zuflucht im Notaufnahmelager Marienfelde.Foto: dapd/APFoto: dapd

Der Regierende Bürgermeister Willy Brandt äußert Genugtuung über die „entschlossene Haltung der Westmächte in der Berlin-Krise“. Es gehe ja nicht nur um Berlin, sondern die Lebensinteressen der westlichen Welt und aller freien Völker stünden auf dem Spiel. Besorgt äußert er sich über die Situation in der DDR und die Fluchtbewegung.

Die Schikanen gegen den gesamtdeutschen Evangelischen Kirchentag, der vom 19. bis 23. Juli in Berlin stattfindet, den aber die DDR-Führung im Ostteil der Stadt verboten hat, der Druck auf die Bevölkerung und die Versorgungskrise „zeigen die ganze Unfähigkeit und Schäbigkeit des Ulbricht-Regimes“, so Brandt im Rathaus Schöneberg vor der Presse: „Ich klage dieses unfähige, bösartige Regime an und warne davor, den Bogen zu überspannen.“ 15 624 Flüchtlinge in den ersten 18 Juli-Tagen zeugten von der „Abstimmung mit den Füßen“. Er könne den „mitteldeutschen Landsleuten“ die Entscheidung nicht abnehmen, aber seines Erachtens sei „kein Grund zu einem panikartigen Aufbruch“.

Am 19. Juli sind es 1095 Flüchtlinge, die sich im Notaufnahmelager Marienfelde melden, am 20. sind es 794, am 21. Juli 799. Auch der Sohn von Gerhard Probst, dem stellvertretenden „Zonenminister“ für Post- und Fernmeldewesen, ist geflüchtet. Beim Kirchentag fehlen fast alle Bischöfe der DDR, aber auch der hessische Kirchenpräsident Martin Niemöller. Stattdessen reist Niemöller durch die DDR, wo er predigt und Vorträge hält. Dem Empfang, den der Rat des Bezirks Dresden für ihn gibt, bleibt der sächsische Bischof Gottfried Noth demonstrativ fern.

Auch im Westen stößt Niemöller auf Befremden. Nach der Rückkehr wird er vom Präses der Synode seiner hessischen Kirche, Bundesschatzminister Hans Wilhelmi, zur Rede gestellt und erklärt, er habe mit der Reise dasselbe Ziel verfolgt wie der Kirchentag: „für die Einheit der evangelischen Christen im geteilten Volk zu wirken“. Der Evangelische Pressedienst berichtet, Niemöller habe frühzeitig Bedenken gegen den Kirchentag in Berlin bekundet, da keine Macht der Welt verhindern könne, dass er an diesem Ort in dieser Situation „als Munitionsdepot im Kalten Krieg benutzt“ werde. Gru

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