SERIE BERLINER Chronik : 25. Juli 1961 Jahre Mauerbau

Der Tod einer Mutter von sechs Kinderm wird zum Streitfall zwischen Ost und West

Entenschnabel. Die Grenze zwischen Glienicke und Hermsdorf (1982). Foto: Ullstein
Entenschnabel. Die Grenze zwischen Glienicke und Hermsdorf (1982). Foto: UllsteinFoto: ullstein bild - Müller-Preisser

Der Tod einer Mutter von sechs Kindern in Glienicke/Nordbahn bei Berlin erregt Ost und West. Musste sie sterben, weil ihr nach einer Fehlgeburt die Aufnahme in der Poliklinik Hohen Neuendorf mit der Begründung verwehrt wurde, dass sie im Osten nicht krankenversichert war? So liest es sich in der West-Berliner Presse. Der Ehemann arbeitet in West-Berlin, die Familie ist daher im Westen versichert.

Der Mann sei im Taxi zur „Zonengrenze“ geeilt, um einen West-Berliner Krankenwagen zu rufen. Im Krankenhaus Jungfernheide habe man der Frau aber trotz Bluttransfusionen nicht mehr helfen können, „sie verblutete unter den Händen der Ärzte“. Nach deren Angaben hätte sie bei rechtzeitiger Behandlung in Hohen Neuendorf nicht sterben müssen.

In der Ost-Presse liest sich die Tragödie anders. Der „Vorwurf unterlassener Hilfeleistung“ wird empört zurückgewiesen und eine Erklärung des Ärztlichen Direktors der Poliklinik zitiert: „In den zehn Jahren meines Wirkens in Hohen Neuendorf haben wir die Aufnahme von Patienten in keinem Fall davon abhängig gemacht, ob der Patient versichert ist oder nicht“, sondern „einzig und allein danach entschieden, ob der Patient eine stationäre Behandlung benötigt.“

Nach Darstellung des Ärztlichen Direktors bat der Ehemann zunächst um einen Hausbesuch bei seiner kranken, fiebernden Frau. Die Ärztin habe „einen grippalen Infekt“ vermutet, sei aber am nächsten Tag wiedergekommen und habe wegen aufgetretener Blutungen die Einweisung in die Poliklinik Hohen Neuendorf angeordnet. Der Ehemann habe jedoch auf Behandlung in einer West-Berliner Klinik bestanden. Entrüstet schreibt die Berliner Zeitung: „Im Lichte dieser Tatsachen sind die von Westberliner Zeitungen gegebenen Darstellungen nichts als schamlose Lügen“. Gru

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