SERIE BERLINER Chronik : 26. Juli 1961 Jahre Mauerbau

West-Berliner kaufen billig im Osten ein – und Ost-Zeitungen berichten darüber

Schlangestehen. Ein Laden in der Frankfurter Allee in den frühen 60ern. Foto: akg-images
Schlangestehen. Ein Laden in der Frankfurter Allee in den frühen 60ern. Foto: akg-imagesFoto: picture-alliance / akg-images

Fast täglich berichtet die Ost-Presse jetzt über Haftstrafen wegen „Schiebung“ mit Lebensmitteln wie Fleisch, Wurst, Eiern oder Butter. „Zentnerweise schleppen Schieber unsere Lebensmittel nach Westberlin“, heißt es. Gemeint sind verbotene Einkäufe von Ostlern für West-Berliner Verwandte oder Bekannte. Das ist für Westler spottbillig, denn in den West-Berliner Wechselstuben gibt es für eine West-Mark mehr als vier Ost-Mark. Doch der Einkauf wird teuer, wenn man dabei erwischt wird. Die Späher sind überall, und mit der Einziehung der Ware ist es nicht getan.

In der „Berliner Zeitung“ ist von einer Ost-Berlinerin die Rede, die sofort nach dem Gefälligkeitseinkauf mit ihrer West-Begleiterin gefasst wurde. Die Ost-Berlinerin bekam vier Monate Gefängnis aufgebrummt, die West-Berlinerin sechs Wochen. Obendrein ist die Ostlerin eine Grenzgängerin, die ihre „sichere Arbeitsstelle geschmissen“ hat, „seither schubbert sie beim Siemens-Konzern“.

Nur wenige Tage vor dem Richterspruch sei sie in der Zentralmarkthalle am Alexanderplatz von „Kontrolleuren“dabei beobachtet worden, wie sie auf Zeichen ihrer Begleiterin, einer Siemens- Kollegin, „achteinhalb Pfund Schweinebraten für 40 Mark“ kaufte und dieser den „schweren Fleischbeutel in die Hand drückte. Gemeinsam hätten sie „in Richtung ‚Freie Welt‘ davonziehen“ wollen, aber Vopos nahmen die beiden fest.

Natürlich tauschen auch die Ost-Berliner in den Wechselstuben Ost- gegen West-Geld. Für sie ist das kostspielig, aber sie kaufen dafür im Westen Dinge, die im Osten besonders teuer oder in guter Qualität kaum zu haben sind wie Kaffee, Schokolade, Südfrüchte oder Schuhe. An der West-Berliner Sektorengrenze wie am Schlesischen Tor oder in der Brunnenstraße blüht das Geschäft mit „Ost-Bewohnern“. Doch das ist für die Ost-Presse kein Thema.

Einen kleinen Vorteil haben Ostler in West-Berlin. Sie zahlen ermäßigte Eintrittspreise für Ausstellungen, Kinos, Theater, Bäder und so fort. Nach Mitteilung der Messeleitung kosten die Karten für die Rundfunk-, Fernseh- und Phono-Ausstellung, die vom 25. August bis 5. September am Funkturm stattfindet, zwei DM, für Ost-Besucher 1:1, also zwei Ost-Mark. Gru

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