SERIE BERLINER Chronik : 31. Juli 1961 Jahre Mauerbau

Trotz verschärfter Kontrollen verlassen immer mehr Menschen die DDR. Das Notaufnahmelager Marienfelde verzeichnet einen Flüchtlingsrekord. Korrespondenten berichten von Übungen der Volkspolizei

Foto: dapd

Im Juli wurden 30 444 Flüchtlinge im Notaufnahmelager Marienfelde registriert. Das ist die höchste Zahl in einem Monat seit 1953. Am letzten Juli-Wochenende kamen 3 859, ebenfalls ein Rekord, wie es ihn seit 1953 nicht gab. Flüchtlinge erzählen von verschärften Kontrollen auf dem Bahnhof Potsdam. Alle Reisenden aus der DDR müssten die Züge verlassen, die Ausweiskontrolle erfolge in einem Wachraum. Mehrere Personen seien festgenommen worden.

In der schwedischen Zeitung Expressen schildert der Deutschland-Korrespondent ungewöhnliche Beobachtungen bei seiner Autofahrt am 29. Juli von Saßnitz nach Berlin. Er habe Übungen von Einheiten der Volkspolizei und der Volksarmee gesichtet. Mehrmals seien ihm Truppentransporte in Lastwagen und offenen Schützenpanzerwagen begegnet. Zudem sei er auf vier Konvois sowjetischer Soldaten gestoßen. Vor Berlin sei in der Nähe von Nauen eine neue Straßensperre errichtet worden, an der sämtliche Fahrzeuge gründlich untersucht wurden. Mit den Aktionen sollten die DDR-Bürger offenbar eingeschüchtert und Fluchtversuche vereitelt werden. Doch hätten ihm in den Ortschaften zahlreiche Bewohner, die seinen ausländischen Wagen erkannten, zugewinkt. So etwas wie am 29. Juli habe er bisher noch nicht erlebt. Die Strecke ist ihm vertraut, denn er benutzt auf seinen Reisen von und nach Schweden die Fähre Saßnitz– Trelleborg.

Am frühen Morgen wird Übungsalarm für die in West-Berlin stationierten amerikanischen, britischen und französischen Truppen ausgerufen. Um vier Uhr 30 fahren Militärlastwagen mit Lautsprechern durch die Siedlungen, in denen Soldaten und Zivilangestellte der alliierten Garnisonen wohnen. Alle werden aufgefordert, sich in ihre Kasernen beziehungsweise Dienststellen zu begeben. Auch Teile der West-Berliner Polizei werden zu einer Übung gerufen.

Das Gesundheitsministerium der DDR behauptet in einer Mitteilung, die Kinderlähmung werde aus Westdeutschland in die DDR eingeschleppt. Der Gesundheitsminister habe den Innenminister ersucht, im Reiseverkehr mit Westdeutschland „Maßnahmen zu treffen, die den besten Schutz der Bürger gewährleisten. Die Bevölkerung wird gebeten, diese Maßnahmen verständnisvoll zu unterstützen.“ Bundesregierung und Senat sprechen von einem fadenscheinigen Vorwand der „Zonenregierung“, angesichts des Flüchtlingsstroms drastische Reisebeschränkungen zu verhängen.

Die Krankheit breite sich weiter aus, behauptet das Ministerium, „da von der westdeutschen Regierung völlig unzureichende Maßnahmen gegen die Fälle von Kinderlähmung getroffen werden“ und sie auf das DDR-Angebot der Lieferung des sowjetischen Schluckimpfstoffs „Sabin-Tschumakow“ nicht einging. Es gelte, „die sich aus aus dieser Situation ergebenden Gefahren abzuwehren“. Gru

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