SERIE BERLINER Chronik : 5. März 1990

Die Wehrpflicht wirft in West-Berlin ihren Schatten voraus

JAHRE

EINHEIT

Zehn Kriegs- und Zivildienstverweigerer aus Ost-Berlin beziehungsweise der DDR ketten sich im Treppenaufgang des Rathauses Schöneberg an. In ihrer Begleitung ist die populäre Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley vom Neuen Forum. Mit der Aktion wird gegen die vorgesehene Überstellung des westlichen Totalverweigerers Gerhard Scherer an die Justiz in Baden-Württemberg protestiert. Der polizeilich gesuchte Scherer ist in die Fraktionsräume der AL im Abgeordneten-haus „geflüchtet“, die ihm „friedenspolitisches Asyl gewährt“, wie die AL bei dem Spektakel mitteilt. Bärbel Bohley und die zehn Angeketteten hätten vergeblich versucht, den Regierenden Bürgermeister Walter Momper und Innensenator Erich Pätzold zu einem Gespräch über Scherers Schicksal zu bewegen.

Dieser hatte 1987 den Zivildienst in Westdeutschland abgebrochen, war nach West-Berlin gezogen und in Baden-Württemberg wegen „Dienstflucht“ zu fünf Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt worden. Die Polizei rückt mit Bolzenschneidern an und schneidet die Ketten auf. Scherer wird zwei Tage darauf ausgeflogen. An diesem Fall zeigt sich ein weiterer Koalitionskonflikt. Die SPD verweist auf die verfassungsrechtiche Pflicht zur Amtshilfe, die AL wittert einen „Präzedenzfall“, um die bundesdeutsche Wehrgesetzgebung auf West-Berlin auszudehnen. Gru

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