SERIE BERLINER Chronik : 9. Januar 1990

Devisenbeschaffer Schalck-Golodkowski verlässt die U-Haft in Moabit

JAHRE

EINHEIT

In Moabit saß seit dem 6. Dezember 1989 ein prominenter Untersuchungshäftling aus Ost-Berlin. So überraschend, wie er sich der West-Berliner Justiz gestellt hatte, wurde er am 9. Januar wieder entlassen – Alexander Schalck-Golodkowski, früher Staatssekretär, stellvertretender Außenhandelsminister der DDR und als mächtiger Herr des Außenhandelsbereichs Kommerzielle Koordinierung (KoKo) der Devisenbeschaffer der DDR. Im Westen wurde er bekannt, als er 1983 mit Franz Josef Strauß den spektakulären Milliardenkredit für die DDR aushandelte.

Der Generalstaatsanwalt lehnte das Auslieferungsersuchen der DDR ab, das sich auf den Vorwurf „erschwerter Untreue zum Nachteil sozialistischen Eigentums“ bezog. Der Generalstaatsanwalt der DDR habe aber auch Ermittlungen wegen anderer Delikte angekündigt. Schalck-Golodkowski befürchte, man könne ihm landesverräterische Delikte zur Last legen.

Wenige Tage später erfuhr die Öffentlichkeit, dass Schalck auch langjähriger Oberst der Stasi war. Was hat ihn überhaupt zur West-Berliner Justiz geführt, wo zu dieser Zeit gar nichts gegen ihn vorlag? Am 3. Dezember war er nach Pressemeldungen über kriminelle Machenschaften von KoKo-Firmen aus der SED ausgeschlossen worden. Am 4. Dezember setzte er sich offenbar in Sorge um seine Sicherheit in den Westen ab, wo er sich am 6. in Moabit meldete, an einem jedenfalls sicheren Ort.

Wenig später saßen seine früheren Chefs Erich Mielke (Staatssicherheitsminister) und Politbüromitglied Günter Mittag (Wirtschaft) im Osten in U-Haft. Nach dem Intermezzo in Moabit ließ sich das Ehepaar Schalck-Golodkowski in Bayern nieder. 1996 und 1998 wurde er im Zusammenhang mit seiner DDR-Vergangenheit zwei Mal zu Bewährungsstrafen verurteilt. Gru

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