Serie Berliner Pflanzen : Jäger und Sammler

Der Botanische Garten ist gar keiner, sondern ein Forschungsfeld der Freien Universität. Und Thomas Dürbye ist kein normaler Gärtner, sondern Chef einer Genbank.

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Der Genbanker und ein Schatz. Thomas Dürbye, Leiter der „Samenstube“ im Botanischen Garten Dahlem, liebt unspektakuläre Wildpflänzchen wie etwa die Küchenschelle. Doch der Renner im Samenversand des Dahlemer Gartens ist eine Wüstenpflanze: die wunderbare Welwitschie – ein riesenhaftes Kakteengewächs, das sich durch ein ganzes kleines Gewächshaus schlängelt. Nur den Dahlemern gelingt die Nachzucht. Foto: Thilo Rückeis
Der Genbanker und ein Schatz. Thomas Dürbye, Leiter der „Samenstube“ im Botanischen Garten Dahlem, liebt unspektakuläre...

Der wahre Reichtum des Botanischen Gartens Dahlem ruht in 60 Schubladen eines hölzernen Apothekerschranks voller weißer Tütchen. In ihnen rascheln die Samen 3269 wilder Pflanzenarten. Es ist Thomas Dürbyes Job, sie nicht aussterben zu lassen. Der 50-Jährige leitet die Samenstube des Gartens, der gar kein normaler Garten ist, sondern eine Forschungseinrichtung der Freien Universität. Und Thomas Dürbye ist kein normaler Gärtner, obwohl er Baumschuler gelernt hat, ehe er 1989 in Dahlem anfing, für die Wissenschaft zu arbeiten. Er ist Jäger und Sammler, Forscher und Bewahrer. Seine Samenstube ist tatsächlich eine Genbank, und Dürbye praktisch ihr Geschäftsführer.

Ehe der Klimawandel Wildpflanzen in Deutschland, im östlichen Mittelmeerraum, in Kuba killen kann, haben Dürbye, seine Kollegen und FU-Wissenschaftler sie schon geschnappt, erforscht, zur Nachzucht bereit gemacht, dokumentiert, an ihren Ursprungsorten wieder ausgewildert oder auf dem Dahlemer Areal zur Vermehrung angepflanzt. 20.000 verschiedene Arten gedeihen im Garten – der Forschung wegen. Ganz nebenbei können Besucher sich daran erfreuen und eine kleine Weltreise machen. Einmal quer durch den Garten heißt hier, durch drei Kontinente zu laufen: von Amerika über Asien nach Europa.

Thomas Dürbye sitzt am Computer, heute ist er mal der Mann vom Versand. Der Dahlemer Garten ist Teil eines Netzwerks von 700 Botanischen Gärten weltweit. Die ordern und versenden untereinander ständig Wildpflanzensamen zur Forschung, zur Nachzucht – per Katalog. Alle legen jährlich ihren „Index Seminum“ vor, 3269 Arten umfasst der diesjährige aus Berlin. Jede Position nennt Bestellnummer, Name, Herkunft und den Sammler. Da taucht auch Thomas Dürbye auf. Nehmen wir Position 116: Familie Hartlaubgewächse, Gattung Anchusa officinalis. Jeder Botaniker kann jetzt sehen: Dieser Samen stammt von Pflänzchen aus Groß Glienicke, gesammelt von einem gewissen Dürbye. Der greift sich seinen Dokumentationsordner und liest: „Ochsenzunge, blüht blau. In der Regel stark behaartes Laub. Die Stauden werden einen Meter hoch.“ Thomas Dürbye wiederum bestellt von anderen Gärten, „was in unser botanisches Konzept passt“. Deshalb kann man in Dahlem auf Weltreise gehen:pflanzentechnisch mal schnell zum Himalaya, nach Anatolien, ins Mittelgebirge. Wenn Thomas Dürbye nicht am Schreibtisch sitzt, läuft oder radelt er durch die Dahlemer Botanik, schnippelt Pflanzen, die Schulen und Unis, Pharmazeuten, Zoologen,Landschaftsplaner zu Arbeitszwecken bestellen und macht sie fertig für die Gratislieferung. Denn auch dazu ist der Botanische Garten da.

Botanischer Garten Dahlem
22.000 Pflanzenarten auf 43 Hektar: Der Botanische Garten Dahlem ist einer der drei größten weltweit.Alle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: Thilo Rückeis
15.05.2010 13:0022.000 Pflanzenarten auf 43 Hektar: Der Botanische Garten Dahlem ist einer der drei größten weltweit.

Von morgens sieben bis Mitternacht, eine strapaziöse Reise. Ausbeute: 400 Arten.

Wenn Thomas Dürbye nicht durch sein Dahlemer Gartenreich streift, reist er zum Pflanzensammeln. Wie 2008 nach Griechenland. Ein Team im VW-Bus, der Plan: die Flora entlang des Flüsschens Kalamas von der Quelle bis zur Mündung zu dokumentieren. Schnippeln, fotografieren, Beschreibung in den Laptop tippen, Pflanzen trocknen, verpacken. Von morgens sieben bis Mitternacht, eine strapaziöse Reise. Ausbeute: 400 Arten. Als Thomas Dürbye erzählt, leuchten seine dunklen Augen. Die Samenstube ist sein Traumjob. Sein Vater arbeitete schon als Gärtner im Botanischen Garten, die ganze Familie hat den grünen Daumen. Auf dem Flachland, wo er aufwuchs, in Verden bei Bielefeld, hat die Familie seit jeher 1500 Quadratmeter Grün. Im Botanischen Garten hat Dürbye kleine 100 Quadratmeter für Gemüse und Blumen gepachtet, am Wohnort Schöneberg tut’s ein Balkon. Seine Frau ist Botanikerin, Forschungsreisen machen sie auch privat. „Wir krauchen immer über die Krautschicht“, sagt er witzelnd. „Unsere Wohnung sieht aber eigentlich ganz normal aus.“

Im Räumchen vor dem Schrank mit den 60 Schubladen liegen die gesammelten Stängel in Kuverts, werden in Kisten gelagert, getrocknet, unter einer Abzugshaube gereinigt, weil es staubt. Nummer „345-06-86-14“: eine Heilpflanze. 1986 kam der Samen nach Dahlem, 4 heißt: vermehrt, als 345. Position innerhalb des Jahres. Laevisticum officinale. Riecht nach Maggikraut, ist Maggikraut. Was nach mehrfachem Sieben vom Samen übrig bleibt, ist schädlingsfrei und sauber genug für den Versand. Die Wildsamenbank hat auch eine Kühlabteilung. In Eisschränken lagern hunderte Reagenzgläser, darin Watte, Trockenmittel und: Samen. 20 bis 30 Gläser pro Art. In Keimschränken stehen Aussaat-Proben in Petrischalen. So wird getestet, ob der Samen noch gut ist. „Eine Kollegin zählt jeden Morgen, wie viele gekeimt haben und errechnet, wie hoch die Keimrate ist“, sagt Thomas Dürbye. „Ehrlich.“

Jetzt zeigt er noch den „absolute Renner“ im Versand: Samen, umhüllt von einer transparenten Haut. Die Flieger gehören Welwitschia mirabilis, der wunderbaren Welwitschie. Sie wächst nur in Namibias Wüsten. Die Fachleute aus Dahlem sind die einzigen, denen die Nachzucht glückt. Die Brutstätte liegt im Gewächshaus um die Ecke. In langen Alubecken, in tropischer Feuchtigkeit, räkelt sich Welwitschia: Männlein und Weiblein, hässlich wie die Nacht. Jede hat nur zwei fleischige Blätter, halb vertrocknete,meterlange Krakenarme, die sich durchs Beet winden. Ein lebendes Fossil. Thomas Dürbye präsentiert sie mit Respekt. Er sagt: „Glockenblumen hab’ ich lieber.“

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