SERIE : Das stumme Völkchen Es weihnachtet sehr

Nikolaus Hein ist Herr einer tollen Truppe aus Kunststoff, Holz und Garn. Ab und zu macht er sie lebendig bei Führungen durch sein Neuköllner Puppentheater-Museum. Eine Märchenerzählerin assistiert ihm.

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Märchenhaft. Nikolaus Hein und Märchenerzählerin Barbara Höllfritsch mit Stabpuppen aus dem Fundus des nach der Wende geschlossenen Puppentheaters der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft. Räuber, König und Großmutter gehören zum Märchen „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren.“ In Neukölln sind alle live zu sehen.
Märchenhaft. Nikolaus Hein und Märchenerzählerin Barbara Höllfritsch mit Stabpuppen aus dem Fundus des nach der Wende...

Klarer Fall, dieser Typ leidet an Burn-out. Erst rauft sich der schrullige Alte die grauen Haare, als habe einer gesagt, er müsse alle Museumsvitrinen abstauben. Dann jammert er in einem fort über die vielen Besucher, die ihm keine Ruhe lassen. Manfredi Blasius ist im Puppentheater-Museum Berlin nicht nur Hausmeister und Putzmann, sondern auch Doorman. Blasius begrüßt die Gäste an guten Tagen mit respektlosen, aber durchaus kurzweiligen Plaudereien. Nur, jetzt ist ihm mal wieder alles zu viel. Er poltert los, rollt mit den Augen und fährt mit der spitzen Nase hin und her, als wolle er jemand aufspießen. In solchen Momenten hat Museumschef Nikolaus Hein jede Menge zu tun. Er bewegt die fast lebensgroße Figur mit der Hand, die in Blasius’ Rücken steckt – und lässt sie auch durch seine Stimme lebendig werden.

Der skurrile Blasius, eine offen geführte Figur, stammt aus Granada. Der spanische Puppenbauer Alejandro Corral hat sie erschaffen. Aus Schaumstoff ist das von Altersfurchen durchzogene Gesicht geformt. Ein zerzaustes Bärtchen hängt am Kinn. Das krault sich der Hausmeister gerne, wenn er auf seinem Sockel am Museumseingang sitzt. Eine von rund 300 Theaterpuppen, die in Neukölln an der Karl-Marx-Straße 135 zu Hause sind, in einem Gartenhaus im Hinterhof, das einst ein Bildhaueratelier war. Sie sitzen in Vitrinen wie auf kleinen Bühnen aus Glas oder posieren frei im Raum auf Leitern und Podesten. Es scheint, als warteten sie allesamt ungeduldig auf ihren nächsten großen Auftritt.

„Jetzt, zur Adventszeit, wollen besonders viele Menschen unser Puppenvolk sehen“, sagt Nikolaus Hein. 1995 ist der heute 70-Jährige mit Puppengefolge in die Neuköllner Räume eingezogen. Zuvor hatte er 30 Jahre lang leidenschaftlich gesammelt: Figuren, Plakate, Textbücher. Der ganze Einfallsreichtum von Marionetten-, Hand- oder Stabpuppenbauern aus aller Welt, vom 18. Jahrhundert bis heute, ist bei dem gelernten Puppenspieler zu bewundern. Hein zieht die Fäden, lässt Puppenglieder klackern. „Puppen entfalten ihren besonderen Reiz , wenn sie aufs Publikum zugehen“, sagt er. „ Die Menschen sind ihnen gegenüber besonders offen.“

Damit seine Gäste den „Zauber des Puppenspiels live erleben, lässt Hein seine Figuren bei Führungen lebendig werden und zeigt im Museumstheater Stücke für Kinder und Erwachsene. Wenn Kasperle, Teufel und Co. gerade mal spielfrei haben, kommt Märchenerzählerin Barbara Höllfritsch in die Ausstellungsräume. Die Kunst des Erzählens passt gut dorthin, findet Nikolaus Hein. Barbara Höllfritschs Bühne ist die Fantasie. „Wer gut zuhört, sieht viel“, sagt sie.

Der Museumschef hält eben einen elektrisch beleuchteten Drachen hoch. Der, sagt er, sei schon vor hundert Jahren mit Kasper durch die Lüfte geritten. Überhaupt: Kasperle. Das wird in England als „Punch“ geliebt, in Frankreich als „Guignol“, in Italien als „Pulcinella“ oder in Holland als „Jan Claasen“. Nikolaus Hein hat eine internationale Kaspergesellschaft zusammengesammelt. Sogar ein taoistischer Clown grinst in seinem Museum die Besucher an. „Klar“, sagt der Museumsdirektor, „das Mundwerk war Kaspers schärfste Waffe.“

Hein lässt aber auch Krieger-Marionetten aus Burma aufmarschieren und Ritterhorden aus verschiedenen Kulturkreisen. Und Seeräuber-Jenny aus der „Dreigroschenoper“ wirft sich in Positur: knallrote Mähne, Kippe zwischen geschminkten Lippen, die Hände übergroß, damit sie aus der Ferne wirken. Die Figur hat der expressionistische Puppenbauer Hans-Jürgen Fettig in den siebziger Jahren geschaffen. Ebenso jenen Mann in der Ecke mit stattlichem Bauch und Zigarre: Alt-Kanzler Ludwig Erhard als Stabfigur.

Der Wirtschaftswunder-Kanzler hat Glück, er weilt als Vip dauerhaft im Museum, während die meisten der 4000 Puppen aus Heins Sammlung das Depot nur ab und zu verlassen dürfen. Eine solche Behandlung müssen sich sogar Doktor Faustus, Casanova oder Geigenvirtuose Niccolò Paganini gefallen lassen. Sie gehörten zum Ensemble des 1994 aufgelösten Marionetten Duos Bochum. Dessen Fundus bekam Nikolaus Hein. Zur Zeit zeigt er eine Schau mit den Bochumer Figuren. Sie hängen an außergewöhnlich vielen Fäden, sind verblüffend lebensecht zu bewegen. Paganini setzt behutsam den Bogen an und streicht über die Geige. Es scheint, als könne man sein zartes Spiel hören.

AM DONNERSTAG:

Gans kurz vor dem Fest

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