• Serie "Durch Luthers Brandenburg", Folge 1: Jüterbog: "Unser Jesus entschwebt durchs Himmelfahrtsloch"

Serie "Durch Luthers Brandenburg", Folge 1: Jüterbog : "Unser Jesus entschwebt durchs Himmelfahrtsloch"

Interview mit Jüterbogs Pfarrer Bernhard Gutsche über die mittelalterlichen Mysterienspiele in St. Nikolai, den Küster auf dem Dachboden und den Teufel auf der Arche Noah.

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Die alten Mysterienspiele ähneln heutigen Fantasy-Stücken - es sind Erzählungen über den Kampf von Gut und Böse.
Die alten Mysterienspiele ähneln heutigen Fantasy-Stücken - es sind Erzählungen über den Kampf von Gut und Böse.Foto: Bernhard Gutsche

Teufel treiben ihr Unwesen, geraten mit Engeln aneinander: Kunterbunte, burleske Mysterienspiele kann man zum Reformationsjubiläum in der Jüterboger St. Nikolaikirche erleben. Eine alte Tradition wird wiederbelebt. Wir sprachen darüber mit dem Pfarrer der St.-Nikolaikirche, Bernhard Gutsche (47). Er arbeitet seit 2005 für die Gemeinde und hat sich dort intensiv mit den Ereignissen des Mittelalters und der Reformation beschäftigt.


Herr Gutsche, warum inszenieren Sie ausgerechnet zum Reformationsjubiläum mittelalterliche Mysterienspiele? Ist das nicht ein Widerspruch? Luther rebellierte doch gegen Aberglauben und Mystizismus.
Nein, das passt sehr gut zur Reformation. Man kann deren Wurzeln besser verstehen, wenn man sich mit dem späten Mittelalter beschäftigt. Die lutherische Bewegung ist ja ein Kind dieser vorreformatorischen Zeit. Im Übrigen wird das Mittelalter im Zusammenhang mit der Reformation oft zu negativ dargestellt. 500 Jahre nach Luthers Thesen sollten wir gelassen anerkennen, dass es auch Größe hatte.

"Das Mittelalter war unglaublich bunt und vital": der evangelische Pfarrer Bernhard Gutsche von St. Nikolai in Jüterbog.
"Das Mittelalter war unglaublich bunt und vital": der evangelische Pfarrer Bernhard Gutsche von St. Nikolai in Jüterbog.Foto: TMB Potsdam


Wie meinen Sie das?
Das Mittelalter war keineswegs nur düster, sondern unglaublich bunt und vital. Heilige, Mysterien, Legenden, alles schwirrte durcheinander, die Frömmigkeit, die Kunst blühten. Viele Menschen konnten nicht lesen, sie lebten also in einer Bilderwelt. Man kann sich das wie einen tropischen Garten vorstellen, alles wucherte durcheinander. Dann kam Luther und sorgte für den Rückschnitt. So gesehen, war die Reformation eine eher konservative Bewegung. Luther hat die Mysterienspiele aber nicht verurteilt. Er gestand den Spielen einen religionspädagogischen Wert zu. Deshalb gab es wohl bis 1562 in St. Nikolai solche Aufführungen. Nun beleben wir die Mysterienspiele wieder, wir setzen diese Tradition nach 455 Jahren fort. An einem idealen Ort . . .


Warum ideal?
Weil der Reichtum sakraler Kunstwerke des Mittelalters in St. Nikolai Gott sei Dank nicht zerstört wurde. Nach der Reformation wüteten anderswo Bilderstürmer. Unsere Kirche wirkt dagegen wie ein Kaleidoskop der verschiedenen religiösen Epochen. Hier schmachten am Cranach-Altar Sünder im Fegefeuer, dort steht der Mensch auf einem Bild des typisch protestantischen Hochaltars ganz alleine vor Gott, selbst verantwortlich für seinen Glauben.


Seit wann gab es Mysterienspiele?
Die erste dokumentierte Aufführung in Jüterbog fand 1482 statt. Diese Spiele waren damals ein großes Event, Volkstheater pur. Sie dauerten bis zu drei Tage, wurden nicht nur in der Kirche, sondern auch draußen auf Stadtplätzen inszeniert. Man kann das mit heutigen Festivals vergleichen. mehr als hundert Spieler wirkten mit, alle waren Laien und Bewohner der Stadt, viele Handwerkszünfte waren beteiligt. Wegen des gewaltigen Aufwandes gab es aber oft nur alle zwei bis drei Jahre ein Spiel.

Was waren die Inhalte?
Biblische Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament. Es ging um existenzielle Fragen, um vieles, was die Seele und das Denken bewegt, worum die Menschen ringen – gestern wie heute. Die damaligen Stücke ähneln modernen Fantasy-Produktionen, es sind Erzählungen über den Kampf von Gut und Böse. Viele Menschen des Mittelalters machten es sich nicht leicht. Das wird oftmals verkannt, weil Tetzels Ablasskampagnen das Gegenteil suggerieren. Tatsächlich ist der Wirbel um Tetzel nur ein Mosaikstein unter vielen. Erst wenn man alle Steinchen zusammensetzt, ergibt sich ein ganzheitliches Bild des Mittelalters.


Was sind die Höhepunkte Ihrer Spiele?
Erst mal dauert unser Stück nur zweieinhalb Stunden, 50 Erwachsene und zehn Kinder machen mit. Wir proben seit Oktober 2016. Zum Schluss schwebt Jesus zur Kirchendecke hinauf und verschwindet im sogenannten Himmelfahrtsloch, das schon seit dem Mittelalter zu diesem Zweck existiert. Auf dem Dachboden steht unser Küster und kurbelt, was das Zeug hält. Am Seil hängt eine 80 Zentimeter große, 500 Jahre alte Jesusfigur aus Holz. Ihre Schöpfer haben sie austariert für diese ungewöhnliche Auferstehung. Aber wir beginnen natürlich mit dem Sündenfall im Paradies ...


Und wie geht es dann weiter?
Mit Kain und Abel und vielen weiteren dramatischen, aber auch burlesken Geschichten aus der Bibel und der Legendenwelt drum herum, zum Beispiel wie der Teufel versucht, als blinder Passagier auf Noahs Arche zu kommen. Mysterienspiele gehen übrigens in der Regel gut aus, deshalb hießen sie früher auch Komödien.
Mysterienspiele in St. Nikolai, am 8., 9. und 16. September sowie am 7. Oktober, jeweils ab 19 Uhr. Karten p.P. elf Euro, ermäßigt fünf Euro. Reservierung: Stadtinfo Jüterbog, Tel.: 033 72 / 46 31 17, www.jueterbog.eu

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