Serie: Gemeinsame Sache : Ein festes Netz in Gesundbrunnen knüpfen

Gesundbrunnen macht mobil gegen Dreckecken: Müllpaten wollen sich zusammenschließen und mit gemeinsamen Aktionen Vorbild sein.

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Foto: Mike Wolff
Profisammler. Maike Janssen und Anna Asfandiar vermitteln Müllpatenschaften in Gesundbrunnen.Foto: Mike Wolff

Cecilia Stickler ist eine Frau der Tat. Wenn in ihrer Nachbarschaft Müll herumliegt, schnappt sie sich den Müllsack und macht ihn weg. So einfach. In ihrem Kiez, dem Brunnenviertel in Gesundbrunnen, ist Stickler schon eine kleine Berühmtheit. „Die Nachbarn denken, ich hab nicht alle Tassen im Schrank“, sagt die gebürtige Schwedin. Aber was soll's. Viele finden Sticklers Engagement auch toll. Der Bezirk Mitte zum Beispiel verlieh der Wahlberlinerin im Juli den Umweltpreis.

Auch Maike Janssen und Anna Asfandiar sind ein Fan der 72-Jährigen. Die beiden Frauen sitzen in der ehemaligen Maschinenfabrik in der Osloer Straße, die heute ein sozio-kulturelles Zentrum beherbergt, und hecken einen Plan aus: Mit vereinten Kräften wollen sie noch mehr Menschen wie Stickler rekrutieren und miteinander vernetzen. Diese „Müllpaten“ sollen auf den Grünflächen und Spielplätzen in ihrer direkten Umgebung auf Streife gehen, unterwegs Abfallschnipsel einsammeln oder Nachbarn, Bekannte und Freunde mobilisieren, um vor der Türe sauber zu machen. Asfandiar will „Stationen“ einrichten, wo man sich seine Ausrüstung – Handschuhe, Kneifzange, Mülltüten und Besen – für eine spontane Müllsammeltour abholen kann.

Glasscherben auf dem Spielplatz

Es gebe im Wedding viele „Nutzungskonflikte“, berichtet Janssen. Das heißt, verschiedene Gruppen nutzen dieselben Plätze – und hinterlassen dabei ihre Spuren. Von den Partygängern vom Vorabend zum Beispiel zeugen die Glasscherben, zwischen denen am Vormittag dann die Kinder spielen. Betroffen seien vor allem der Vinetaplatz mit seinem Spielplatz, der Panke-Grünzug und der Grünstreifen in der Grüntaler Straße, wo viele Hundebesitzer Gassi gehen.

Jeder hat seinen persönlichen Lieblingsplatz im Kiez – und kann als Müllpate mit dafür Sorge tragen, dass er sich auch weiterhin dort wohl fühlt. Janssen und Asfandiar glauben, dass es viele Menschen gibt, die das bereits tun. Nur: Das Engagement fällt kaum auf. „Am nächsten Tag ist es wieder dreckig“, so Janssen. So was ist natürlich frustrierend.

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27.07.2017 09:09An die Ampel gestopft. Muss das sein? Nur ein alltägliches Beispiel aus Friedrichshain, wie achtlos Coffee-to-Go-Trinker mit ihren...

Deshalb wollen sie und ihre Kollegin alle Saubermänner und -frauen unter einem Dach vereinen. Bei regelmäßigen Treffen in der Nachbarschaftsetage sollen die Müllpaten Mitstreiter finden, sich austauschen und gegenseitig motivieren. Bis zum Ende des nächsten Jahres wollen die beiden Frauen eine feste Gruppe von Helfern aufgebaut haben. „Es braucht jemanden, der das anleiert. Mitmacher findet man schon“, zeigt sich Asfandiar optimistisch. Sie wird die Müllpaten betreuen und ihr Engagement durch die Freiwilligenagentur Fabrik koordinieren.

Die „Aktionstage für ein schönes Berlin“ wollen Janssen und Asfandiar nutzen, um die Sache ins Rollen zu bringen. Alle Helfer und Interessierten treffen sich auf dem Spielplatz auf dem Vinetaplatz. Dort wird am Freitag, dem 9. September, von 11 bis 13 Uhr sauber gemacht. Weitere Aktionen gibt es am 7. 9. von 15 bis 17 Uhr in der Grüntaler Straße 21, und am 8. 9. von 11 bis 13 Uhr am Spielplatz Panketal an der Panke. Vor allem die Familien seien sehr interessiert an solchen Mitmachaktionen, sagt Janssen. „Wenn man Kinder fragt, was sie an ihrem Kiez stört, dann ist die Antwort fast immer: der Müll.“ Hinzu komme, dass Kinder die ehrgeizigsten Müllsammler von allen seien. Der Anblick der kleinen Helfer in den gelben Warnwesten motiviere auch die Großen zum Mitmachen.

Nicht alle mögen Sticklers Eigeninitiative

Die Erfahrung hat auch Cecilia Stickler gemacht. Der Einsatz mit der Vinetaschule war nicht nur eine der erfolgreichsten, sondern auch die spaßigste Sammelaktion. „Ich finde es so schrecklich, wenn die Kinder im Müll rumspielen“, sagt die Rentnerin, die vor vier Jahren in die Gegend zog.

Doch nicht jeder findet Sticklers Eigeninitiative gut. Mit einem Nachbarn liegt Stickler im Clinch, seitdem der sich bei der Hausverwaltung darüber beschwerte, dass sie den auf der Straße gesammelten Müll in der Haustonne entsorge. Zum Glück bot die Berliner Straßenreinigung sogleich eine Lösung an: Sticklers Müllsammlungen werden jetzt per Sonderabholung entsorgt. „Die BSR hat toll reagiert, ganz unkompliziert“, schwärmt Stickler.

Die Müllpatin freut sich auch über die neue App des Ordnungsamtes, wo man illegal entsorgten Sperrmüll melden kann. Leider lasse die Reaktion auf die virtuelle Anzeige noch auf sich warten, merkt sie an. Ein alter Bettkasten, den jemand in ihrer Nachbarschaft abgestellt hat, diene ihr zur Zeit als „Testobjekt“: Die Meldung an das Ordnungsamt erging vor einer Woche. Der Bettkasten ist noch da.

Berlin hat noch einen langen Weg vor sich, sagt Stickler, die gerne ihr Heimatland Schweden als Vorbild in Sachen Sauberkeit nennt. Doch sie habe es inzwischen aufgegeben, ihre Mitmenschen zu belehren. „Ich glaube nicht, dass ich jemanden erziehen kann.“ Dass sie den Kampf gegen die Vermüllung trotzdem nicht aufgibt, liegt wohl an ihrer Philosophie: „Nicht der Sieg zählt, sondern die Teilnahme.“

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