Serie: Gemeinsame Sache : Schüler pflegen die Gräber von NS-Zwangsarbeitern

Schüler des Ardenne-Gymnasiums in Hohenschönhausen pflegen die Gräber von NS-Zwangsarbeitern.

Jana Scholz
Damit die Erinnerung lebt. Schüler der 11. Klasse des Manfred-von-Ardenne-Gymnasiums mit ihrem Lehrer Rainer Seefeld auf dem St. Hedwigs-Friedhof.
Damit die Erinnerung lebt. Schüler der 11. Klasse des Manfred-von-Ardenne-Gymnasiums mit ihrem Lehrer Rainer Seefeld auf dem St....Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Tadeusz Luczak wurde am 5. Februar 1916 in Glowno geboren. Am 24. Januar 1944 starb er als Zwangsarbeiter auf dem Bahnhof Kaulsdorf in Berlin. Die Gerichtsmedizin an der Charité trägt "Schädelzertrümmerung" als Todesursache ein. Was genau passierte, weiß niemand. Seither befindet sich Luczak’ Grab auf dem St. Hedwig-Friedhof in Hohenschönhausen. Hier ruhen 1 626 Frauen, Männer und Kinder, die unter den Nationalsozialisten im Raum Berlin Zwangsarbeit leisten mussten.

Um ihre Grabsteine kümmern sich seit zehn Jahren die Schülerinnen und Schüler der Manfred-von-Ardenne-Schule in Hohenschönhausen. Jahr für Jahr arbeiten die zehnten Klassen des Gymnasiums auf dem katholischen Friedhof. Am Aktionstag, am 8. September, befreien sie die Grabsteine von Moos.

Für die Schüler sind die Schrecken des Zweiten Weltkriegs lange her. Die meisten von ihnen sind rund 55 Jahre nach Kriegsende geboren. Trotzdem finden sie das Schulprojekt wichtig. „Erst war es eine Aufgabe, die wir vom Lehrer bekommen haben“, sagt der 17-jährige Eugen Pock. „Aber als wir auf dem Friedhof waren, habe ich angefangen, mir Gedanken zu machen.“ Wem gehören die Namen auf den Steinen? Woher kamen die Zwangsarbeiter? Wie alt waren sie, als sie starben?

Aus dem Leben gerissen

„Im Geschichtsunterricht setzen wir uns intensiv mit der NS-Zwangsarbeit auseinander“, sagt der Lehrer Rainer Seefeld. Auch mit dem Schicksal von Tadeusz Luczak. Eigentlich sollte Tadeusz' Bruder Zdzislaw zum Arbeitseinsatz nach Deutschland gehen. Doch Tadeusz bat seinen Bruder, bei der Mutter zu bleiben, und ging selbst. Untergebracht war er im Zwangsarbeiterlager der Reichsbahn in Karow.

Die meisten in Hohenschönhausen beigesetzten Zwangsarbeiter stammen aus der ehemaligen Sowjetunion, viele kamen wie Tadeusz Luczak aus Polen. Auch aus den Niederlanden, Belgien, Italien, Spanien und Frankreich deportierten die Nazis Menschen als Arbeitskräfte. In Berlin und Umgebung mussten sie vor allem in der Landwirtschaft, später auch in der Rüstungsindustrie arbeiten. „Die Nazis rissen die Menschen aus ihrem Leben“, sagt Seefeld. Dass man ohne jegliche Schuld Opfer von Gewalt werden kann, das sollen seine Schüler erkennen.

Auch Kinder der Zwangsarbeiter sind in Hohenschönhausen beigesetzt. 134 von ihnen starben, bevor sie ein Jahr alt waren – meist an Unterernährung. „Wir wollen weitergeben, dass so etwas nicht mehr geschehen soll“, sagt die 16-jährige Thao Nguyen Duong.

Galina Kalugina von der Friedhofsverwaltung bewundert das Engagement der Schüler. „Es geht nicht nur um die Grabpflege. Es geht darum, sich an ein Grab zu setzen und sich mit seiner Geschichte zu befassen.“ Seit 2005 gibt es die Grabsteine. Vorher war dieser hintere Teil des Friedhofs verwildert, die Gräber namenlos.

Senat und Friedhofsverwaltung hatten um die Zuständigkeit gestritten. Schließlich übernahm der Senat seine Verantwortung für die Kriegsgräber und veranlasste die gärtnerische Neugestaltung. Anhand der Lagepläne des Friedhofs wurden die Namen der Beigesetzten und die genaue Grablage recherchiert und 430 Einzelstelen errichtet. Auf jedem Stein stehen seither die Kriegsdaten sowie vier Namen mit den jeweiligen Geburts- und Sterbedaten.

Durch Geschichte verbunden

Vor zwei Jahren organisierte Rainer Seefeld mit seiner Schule eine Gedenkfeier auf dem Friedhof. 70 Jahre nach Kriegsende versammelten sich Schüler aus Glowno, eine russische Schulklasse sowie Vertreter der betroffenen Botschaften, um der Toten zu gedenken. Auch die Kinder von Zdzislaw Luczak besuchten damals das Grab ihres Onkels. Ausfindig gemacht hatte sie Klaus Leutner.

Seit Langem befasst sich der Berliner mit der Geschichte der Opfer des Nationalsozialismus. Jahrelang war er Vereinsvorsitzender der Initiative KZ-Außenlager Lichterfelde e.V. Insbesondere die Beziehungen zum Nachbarland Polen liegen dem 1940 in Masuren geborenen Leutner am Herzen.

So hatte ihn die Senatsverwaltung nach der Neugestaltung der Gräber gebeten, die Hinterbliebenen der polnischen Zwangsarbeiter zu finden. Durch großes Engagement und ein wenig Glück fand Leutner tatsächlich die Angehörigen von Tadeusz Luczak, die heute in Warschau leben.

Damals wandte er sich auch an die Ardenne-Schule. „Ich wollte junge Menschen erreichen, damit sich die Taten unserer Großeltern und Eltern nicht wiederholen“, sagt Leutner. Er initiierte eine Schulpartnerschaft zwischen der Ardenne-Schule und dem Gymnasium in Glowno. Regelmäßig gibt es seither einen Schüleraustausch zwischen Hohenschönhausen und der polnischen Ortschaft.

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