SERIE : Hightech trifft Mittelalter Erlebnis Meck-Pomm

Stralsund hat eine 874-jährige Stadtgeschichte und die verträgt sich mit moderner Architektur

Claus-Dieter Steyer

Wer die alte Hansestadt an der Seite ihres bekanntesten Ehrenbürgers erkunden will, muss viel Zeit mitbringen. Das liegt keineswegs am Alter des Professors, der im vergangenen Monat seinen 77. Geburtstag feierte. Gottfried Kiesow ist gut zu Fuß. Nein, der Vorsitzende der Deutschen Stiftung Denkmalschutz hat so manches aus der 874-jährigen Stadtgeschichte zu erzählen, und weil er bekannt ist in Stralsund, wird er selbst an einem ruhigen Sonntagvormittag unablässig von Passanten angesprochen. Die Bürger schätzen offensichtlich die Kompetenz des Mannes, der sich seit der Wende um die Entwicklung des historischen Zentrums bemüht.

Gottfried Kiesow hebt immer wieder entschuldigend die Schulter und lächelt. So sei das eben hier. „Die Einwohner nehmen viel Anteil am Geschehen in ihrer Stadt.“ Ausschlaggebend dafür sei wohl die Aufnahme Stralsunds in die Liste des Unesco-Welterbes zusammen mit Wismar vor sechs Jahren gewesen. Dadurch habe sich eine einmalige Stimmung entwickelt.

Auch die Touristenzahlen seien seitdem enorm gestiegen. Unvergessen bleibe Kiesow die Szene, als dem Stralsunder Oberbürgermeister bei der Aushändigung der Unesco-Urkunde die Tränen gekommen seien. „Er konnte es kaum fassen, dass sich Stralsund nun auf einer Ebene mit der Chinesischen Mauer und den ägyptischen Pyramiden befindet“, sagt der Professor.

Vor dem verheerenden Bombenangriff der Alliierten im Oktober 1944 wohnten in der Altstadt rund 5000 Menschen. Im letzten Jahrzehnt der DDR, als das Geld für die Rettung der Häuser endgültig fehlte und stattdessen billigere Hochhäuser am Rande entstanden, lebten hier gerade noch 2000 Menschen – und die Ostberliner Bauakademie hatte schon den Abriss großer Teile des Zentrums und den Ersatz durch Plattenbauten vorbereitet. In der Wendezeit im November 1989 konnten die Planierraupen gerade noch gestoppt werden. Heute ist die Einwohnerzahl in der zu 80 Prozent restaurierten Altstadt wieder auf 4000 gestiegen.

Mitten im Zentrum Stralsunds stehen die drei mächtigen Kirchen Sankt Marien, Sankt Nikolai und Sankt Jakobi. Für Gottfried Kiesow sind sie einfach nur die „Backsteinkathedralen“. Sie zeugen von der Macht und dem Reichtum des Hansebundes und der Stadt ab dem 13. Jahrhundert – und machen den Besucher neugierig darauf, woraus denn dieser auf Schritt und Tritt anzutreffende Backstein besteht. Das im ehemaligen Katharinenkloster zusammen mit dem Meeresmuseum untergebrachte Kulturhistorische Museum klärt Neugierige nicht nur über diese Baufachfrage auf.

Bei einem Stadtspaziergang informieren Tafeln an interessanten Gebäuden wie dem Rathaus, dem Heilgeistkloster oder dem Wohnhaus des Sauerstoff-Entdeckers Scheele über deren Geschichte und Bewohner. Ein Blickfang im Hafen ist das Segelschulschiff „Gorch Fock“. 1933 wurde es erstmals zu Wasser gelassen. In den letzten Kriegstagen versenkte ein Sprengkommando der deutschen Wehrmacht das Schiff im Strelasund. Nach einer wechselvollen Geschichte liegt der Dreimaster seit 2003 im Hafen von Stralsund und soll wieder seefähig gemacht werden. Das ist für Besucher der Stadt eine gute Möglichkeit, das Schiff mit seinem Bordmuseum zu besuchen.

Zum Abschluss unseres Stadtbummels lobt Gottfried Kiesow den Neubau des Ozeaneums am Hafen sowie die neue Rügendammbrücke. Trotz ihrer Größe „stören sie unsere Stadtsilhouette überhaupt nicht“, meint der Professor. Eine Gefährdung des Unesco-Welterbestatus der Stadt wie bei der geplanten Waldschlösschenbrücke in Dresden, stehe deshalb nicht zur Debatte. „Hier harmonieren Neu und Alt ganz wunderbar miteinander.“

Folge 3:

STRALSUND

Die anderen Folgen

4. Mai: Die Wismarer Bucht

7. Mai: Rund um die Müritz

14. Mai: Ein Besuch der Insel Rügen

16. Mai: Ein Tag auf Usedom

21. Mai: Rostock-Warnemünde

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar