Serie "Menschen helfen" : Nach Feierabend geht’s weiter

Martin Buth ist Notarzt und teilt für die Berliner Obdachlosenhilfe Essen und Kleidung aus. Der Verein bittet um Spenden.

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Ein Arzt am Alex. Zwei Mal pro Woche steht die Obdachlosenhilfe hier. Martin Buth ist oft dabei.
Ein Arzt am Alex. Zwei Mal pro Woche steht die Obdachlosenhilfe hier. Martin Buth ist oft dabei.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Die nasse Kälte lässt Zehen und Finger immer mehr erstarren an diesem regnerischen Mittwochabend. Eine Glühbirne hängt unter dem Dach eines Unterstands am Rand des Leopoldplatzes in Wedding. In ihrem Schein sieht man Männer und Frauen mit Plastikbechern voll Kaffee herumstehen. Das sind die „Gäste“, wie sie die ehrenamtlichen Helfer von der Berliner Obdachlosenhilfe nennen, die hier gerade warmes Essen verteilt haben. Etwa zehn Helfer tragen schon große Behälter mit übrig gebliebenen Nudeln zurück in einen weißen VW-Bus, gleich geht’s weiter zur nächsten Station am Alexanderplatz. „Ich Papier bitte, Nase putzen“, sagt da ein älterer Mann, dunkelgrüne Polyacrylmütze auf dem Kopf, Rucksack auf dem Rücken, mit osteuropäischem Akzent etwas verloren in das Gewusel hinein.

Martin Buth steht ein paar Meter entfernt und koordiniert im Nieselregen das Einpacken der Essensboxen, hört den Mann aber trotzdem. „Hier, bitte“, sagt der schmale junge Mann mit der dunklen Haarsträhne, die ihm manchmal ins Gesicht fällt und reicht dem Älteren eine Packung Taschentücher. Ein anderer Mann möchte einen Pullover. Martin Buth trägt den Wunsch in ein schwarzes Notizbuch ein und sagt: „Am Samstag um 18 Uhr wieder hier, dann haben wir den Pullover dabei.“ Zwei bis drei Mal pro Woche ist er ehrenamtlich für die Berliner Obdachlosenhilfe auf den Touren dabei, fährt den Bus, teilt Essen und Kaffee aus und nimmt Bitten um Kleider-, Rucksack- und Schlafsackspenden von Obdachlosen entgegen. Sonnabends und mittwochs geht die Tour von den Räumen des Vereins in Wedding über den Leopoldplatz, den Alexanderplatz zum Kottbusser Tor. Sonntags zum Hansaplatz.

Misstrauen gegen Ärzte

Auch beruflich hilft Martin Buth Menschen. Der 34-Jährige ist eigentlich Notarzt, arbeitet in der Notaufnahme eines Berliner Krankenhauses und macht dort noch eine weitere Fachausbildung zum Unfallchirurgen. Aber das reicht ihm längst nicht aus. Spricht man ihn darauf an, redet er von „den Zwängen im Krankenhaus“, die es ihm nicht erlauben, „Menschen ohne Krankenversicherung so zu versorgen, wie ich mein Berufsbild sehe. Ich habe den Beruf ergriffen, um zu helfen“. Er habe es auch schon mit ehrenamtlicher Arbeit in einer der medizinischen Anlaufstellen für Menschen ohne Krankenversicherung probiert – zufrieden war er auch dort nicht. „Viele Menschen ohne Krankenversicherung kommen dort gar nicht an. Die schaffen es nicht, allein dorthin zu gehen.“ Und auch Wohnungslose mit Krankenversicherung schafften es oft nicht zum Arzt zu gehen. „Viele haben ein grundsätzliches Misstrauen gegen Ärzte oder sind nicht raumfähig. Das bedeutet: Das Warten im Wartezimmer halten sie nicht aus.“ Und: „Wohnungslose Menschen bewegen sich meist nur in ihren Kiezen, die fahren nicht mal eben zum Arzt in einen anderen Teil Berlins.“

Mit seiner meist eher etwas unscheinbaren Aufgabe bei der Berliner Obdachlosenhilfe, einem mit rund 30 festen Mitgliedern eher kleinen Verein, ist Martin Buth zufrieden. „Das Schöne ist, dass hier ausschließlich Ehrenamtliche mit extremem Herzblut bei der Sache sind. Und jeder kann sich spontan und mit seinen besonderen Stärken einbringen.“ Vor allem aber: „Die Wohnungslosen müssen nicht zu uns kommen, sondern wir kommen zu ihnen.“ Und das ganzjährig.

Beim Essenausteilen, im Gespräch darüber, ob jemand einen neuen Schlafsack braucht und ob er nicht letzte Woche schon einen bekommen hat, achtet Martin Buth immer darauf, wie es um den Gesundheitszustand der Gäste bestellt ist – und versucht sie dann dazu zu bewegen, zum Arzt zu gehen. Gibt ihnen BVG-Tickets, damit sie nicht schwarzfahren müssen oder fährt sogar selbst mit ihnen hin, etwa zu der Obdachlosenärztin Jenny de la Torre. „Viele haben Hautkrankheiten wie Läuse und Krätze. Unter den Gästen aus Osteuropa ist die TBC-Rate 20 Mal höher als bei Gästen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind.“ Besonders häufig sieht er festgewachsene Schuhe und Socken. „In der Notaufnahme habe ich gerade einem Patienten einen Strumpf vom Fuß geschnitten, den er vier Monate getragen hatte.“ Wenn er für die Obdachlosenhilfe unterwegs ist, darf er so etwas aber nicht behandeln: „Da setze ich meine Zulassung aufs Spiel, weil es strenge Regeln gibt, wo und wie man behandeln darf. Ich klebe aber schon mal ein Pflaster auf eine Platzwunde.“ Oder er gibt bei Hautkrankheiten nicht verschreibungspflichtige Salben aus.

Sie ist zehn Jahre jünger als geschätzt

Inzwischen hat Martin Buth den weißen Bus voller Kleidung und warmem Essen weiter zum Alexanderplatz gesteuert. Die anderen Helfer sind mit dem Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln vorausgefahren. Weitere Helfer stoßen hier erst dazu. Der Ausgabetisch und das Essen werden ausgeladen, schnell bildet sich eine Schlange hungriger Menschen.

Martin blickt sich suchend um: „Einer unserer Stammgäste hatte letzte Woche einen Hexenschuss. Er wollte nicht, dass ich einen Rettungswagen rufe. Also habe ich ihm eine Wärmesalbe aus dem Drogeriemarkt gegeben.“ Aber der Stammgast reiht sich an diesem Mittwochabend nicht in die Schlange ein.

Es gibt auch Salat und Obst: „Wir wollen der Mangelernährung entgegenwirken“, sagt Buth. Die Menschen, die jetzt mit dampfenden Plastikschüsseln voll Nudeln herumstehen, sehen sehr unterschiedlich aus. Eine fröhliche Polin spricht alle in einem unverständlichen Kauderwelsch aus Deutsch und Englisch an. Ein kauziger alter Mann mit Stirnlampe über der Pudelmütze und Hackenporsche redet laut über Putin. Einige sehen sehr ordentlich aus. „Vielen sieht man es nicht an, dass sie auf der Straße leben“, sagt Martin Buth. „Und nicht alle unsere Gäste tun es.“ Er zeigt auf eine gepflegte kleine alte Dame mit rundem Rücken, die wie Mitte siebzig aussieht, in Turnschuhen und grüner Mütze. „Sie hat eine Wohnung. Da geht es um Altersarmut“, sagt Buth.

Sie ist tatsächlich zehn Jahre jünger als geschätzt: „Kurz vor der Rente“, antwortet sie fröhlich auf die Frage nach ihrem Alter. Sie wohne „im Norden von Berlin“, beziehe Hartz IV, sei mit der Miete im Rückstand und habe, wenn alle „Muss-Ausgaben“ abgezogen seien, noch hundert Euro pro Monat übrig. „Dass ich hier Essen bekomme, hilft mir sehr. Und es ist wirklich lecker.“ Sie zwinkert hinter ihrer dicken Brille.

Kein Wunder, eins der beiden Gerichte stammt immer aus der Küche des Westin Grand Hotel. Das andere kochen die Ehrenamtlichen selbst aus gespendetem Essen in der kleinen Küche des Vereins. 60 Quadratmeter hat die Obdachlosenhilfe in der Weddinger Buttmannstraße zur Verfügung. Ein kleines Büro, das gleichzeitig auch das Lager ist – bis unter die Decke vollgestopft mit Kleiderspenden. Dahinter die Küche. Der Verein möchte deshalb neue Räume mieten und bittet dafür über mehrere Kanäle um Spenden, auch über die Tagesspiegel-Aktion. „Wir brauchen eine größere Lagerfläche, außerdem wollen wir unseren Gästen ein Nachtcafé und eine Möglichkeit zum Duschen und Wäschewaschen anbieten“, sagt Buth. Dafür gebe es noch zu wenige Möglichkeiten in Berlin.

Am Alexanderplatz drängeln sich noch immer Menschen um den Bus, um Kleidung, Isomatten und Rucksäcke zu bekommen. Dabei müssen die Helfer jetzt weiter. Sie sind schon spät dran. „So, finito“, sagt Martin Buth. Jetzt geht’s zum Kottbusser Tor. Und dann spät am Abend zurück nach Wedding, zum Abwaschen. Vor Mitternacht werden Martin Buth und die anderen Helfer nicht zu Hause sein. Ein volles Programm. So ganz reicht die Kombination aus Krankenhausjob und Obdachlosenhilfe aber immer noch nicht für Buths sehr starkes Bedürfnis, Menschen zu helfen. Deshalb will er im Januar mit der Organisation Ärzte ohne Grenzen nach Jordanien gehen.

Spenden bitte an: Spendenaktion Der Tagesspiegel e. V., Verwendungszweck: „Menschen helfen!“, Berliner Sparkasse, BIC: BELADEBE, IBAN: DE43 1005 0000 0250 0309 42. Namen und Anschrift bitte für den Spendenbeleg auf der Überweisung notieren. Im Internet: www.tagesspiegel.de/spendenaktion.

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