SERIE : Mit vollem Bauch spielt sich’s besser

Das Projekt „Kiez Kids“ kümmert sich um Kinder, deren Eltern wegen Drogen oder Arbeitslosigkeit überfordert sind Im Vereinshaus können die Jungen und Mädchen sich satt essen, spielen und basteln. Der Verein braucht Unterstützung.

Franziska Felber
Das schmeckt.
Das schmeckt.

Martin Proschmann macht mit seiner Hand das Geheimzeichen: Der Daumen liegt auf dem kleinen Finger, die anderen drei Finger stehen nach oben. „Was bedeutet das?“, fragt er. Ihm recken sich ein Dutzend Kinderarme entgegen. Roland macht das Rennen, er sagt: „Der Große beschützt den Kleinen.“

Das ist die wichtigste Regel beim Projekt „Kiez Kids“ des Vereins „Teen Challenge Berlin e. V.“: Die Kinder sollen aufeinander achten. Martin Proschmann, 39, ist Leiter des Projekts in Reinickendorf. Viele Eltern, deren Kinder nachmittags in das Vereinshaus kommen, haben Probleme, meist mit Drogen oder Arbeitslosigkeit, und können ihren Kindern nicht die Aufmerksamkeit geben, die diese brauchen. Bei „Kiez Kids“ wird den Kindern ein geregeltes Miteinander vorgelebt. Rituale sind wichtig dabei, das gemeinsame Essen, Stabilität und Bestätigung.

Drei Mal pro Woche kommen am Nachmittag 15 bis 20 Kinder zu „Kiez Kids“, heute sind die Kleinen dran, sie sind zwischen fünf und zehn Jahre alt. Teilweise holen die Mitarbeiter sie zu Hause ab. Oft bekommen die Kinder zu Hause kein nahrhaftes Essen; immer wieder stehen dort nur Fastfood oder Nudeln mit Ketchup auf dem Tisch. Proschmann erzählt von einem Hausbesuch – dort gab es nicht mal einen Esstisch. Bei „Kiez Kids“ sitzen alle um den Tisch herum, heute gibt es dampfenden Gemüse-Nudel-Auflauf. Proschmann erlebt oft, wie hungrig die Kinder sind: „Viele essen zwei, drei Teller, wenn man als Erwachsener nur einen Teller schafft.“ Mit vollem Bauch seien die Kinder weniger aggressiv. Danach gibt es Programm: Ausflüge, Geländespiele oder Basteln.

Die freikirchliche Einrichtung „Teen Challenge“ ist Mitglied im Dachverband des „Diakonischen Werks Brandenburg-Berlin-schlesische Oberlausitz“, dort wird die Arbeit des Vereins sehr geschätzt. Die Mitarbeiter von „Teen Challenge“ arbeiten auf christlicher Grundlage. Sozialpädagogin Tirza Pelzer, 28, sagt, sie wolle aber niemanden zum Glauben überreden. „Gott ist für mich ein fester Anker – wenn die Kinder wollen, gebe ich ihnen etwas davon mit.“ Es werden religiöse Lieder gesungen, vor dem Essen kommt der „Tisch-Rap“. „Für dich und für mich ist der Tisch gedeckt, hab’ Dank lieber Gott, dass es uns gut schmeckt“, rufen die Kinder. Einige glauben an Gott, so wie der 9-jährige Jonas. Martin, 9, dagegen sagt: „Ich bin nicht gläubig, aber das ist egal. Ich muss hier nicht beten.“

Seit 40 Jahren ist „Teen Challenge“ als christliche Sucht- und Lebenshilfe aktiv. Die Einrichtung kümmert sich beispielsweise um die Drogenszene am Franz-Neumann-Platz in Reinickendorf. Viele Suchtkranke bringen ihre Kinder mit in die Szene – seit 2006 bemüht sich „Kiez Kids“ darum, diese Kinder aufzufangen. Auch die Grundschule am Schäfersee schickt Kinder zu „Kiez Kids“, manche Jungen und Mädchen kommen schon seit fünf Jahren zu den gemeinsamen Nachmittagen.

Für Essen, Ausflüge und Bastelmaterialien fallen pro Nachmittag Kosten von etwa 50 Euro an. Der Verein finanziert sich allein über Spendengelder. „Man merkt, dass es den Menschen finanziell schlechter geht, sie spenden weniger“, sagt Proschmann. Daher hofft er auf die Tagesspiegel-Spenden, als Unterstützung für die Lebensmitteleinkäufe – ein Euro pro Kind rechnet er für jedes Essen. Während Martin Proschmann erzählt, zerren vier Kinder an ihm. Er ist ein großes Vorbild für sie. Was das Tollste bei „Kiez Kids“ sei? „Martin!“, sagt Jonas, der ihn schon seit vier Jahren kennt.

Nachdem alle gemeinsam Weihnachtsschmuck gebastelt haben, ist es Zeit, zurück nach Hause zu gehen. Bei der Verabschiedung wartet ein weiteres Ritual. Die Kinder sitzen im Kreis, Proschmann gibt den Takt vor, die Kinder machen begeistert mit und rufen: „Wir sind fünf, vier, drei, zwei, einzigartig!“

Die Namen aller Kinder sind geändert. Spenden an: Spendenaktion Der Tagesspiegel e. V., Verwendungszweck: „Menschen helfen!“, Berliner Sparkasse (BLZ 100 500 00), Konto 250 030 942. Namen und Anschrift für den Beleg notieren.

DIE SPENDENAKTION

des Tagesspiegels

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