Serie "Souls in a box" : Ein Besuch bei der Tattoo-Künstlerin Sanne Vaghi

„Souls in a box“ heißt das Fotoprojekt von Alessandra Mannisi, das kreative Berliner in ihren Wohnungen zeigt. Wir stellen einige vor. Heute: Sanne Vaghi, die Tattoo-Künstlerin aus Friedrichshain.

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Tattoo-Künstlerin Sanne Vaghi hat ihre Wohnung mit Puppenköpfen dekoriert.
Tattoo-Künstlerin Sanne Vaghi hat ihre Wohnung mit Puppenköpfen dekoriert.Foto: Alessandra Mannisi

Einem ihrer Freunde hatte die Puppe so viel Furcht eingeflößt, dass er sie umdrehen musste, mit dem Gesicht zur Wand. Nach einer Ausstellung hatte Sanne Vaghi ihr Objekt kurzfristig bei ihm untergestellt: eine hochkant gestellte, offene Holzkiste, mit Moos gefüllt, darin ein Puppenkopf. „Ich finde es schön“, sagt sie und lacht. Bei ihr hängt das Objekt direkt über dem Bett.

Die 32-jährige Tattoo-Künstlerin aus Friedrichshain fürchtet sich nicht vor ihren morbiden Einrichtungsgegenständen. Tierschädel säumen die Abstellflächen, dazwischen Puppenköpfe und -gliedmaßen, dekoriert mit schwarzen Korallen. Das sei Inspiration für ihre Arbeit, sagt Vaghi. Sie interessiert sich für organische Strukturen. Auch im Flur ihrer WG hat sie einige der skurrilen Devotionalien untergebracht – sehr zur Freude ihrer Mitbewohnerin. „Sie hat auch ein Interesse für solche Dinge“, sagt Vaghi. Seit knapp drei Jahren lebt sie in der Wohnung nahe dem Ostkreuz, nachdem sie 2011 aus Holland nach Berlin kam.

Auf ihrem Arm steht das Wort "Vergänglichkeit"

Als Tattoo-Künstlerin arbeitet Sanne Vaghi seit sechs Jahren. In Holland hat sie ein Illustrations-Studium abgeschlossen. Sie wollte in Berlin arbeiten, weil es hier eine große Plattform für ihr Interesse gibt, die Verbindung aus Kunst und Tattoos. Sanne Vaghi sagt jedoch auch: „Berlin ist eine Stadt, in der es schwierig ist, besonders zu sein.“ Aus der sowieso sehr speziellen Masse – auch als Tattookünstler – herauszustechen, ist nicht einfach. Ihre Entwürfe bestehen aus feinen Linien, koloriert im Stil von Wasserfarben. Seit Oktober arbeitet Vaghi als Gastkünstlerin im Kreuzberger Tattoo-Studio „Zoes Zirkus“ und ist Teil des Künstler-Kollektivs Ocho Cuervos für Tattoos und Illustrationen.

Wie kreative Berliner wohnen
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1 von 5Foto: Alessandra Mannisi
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Vaghi ist selbst tätowiert – ihren verstorbenen Hund Suki etwa trägt sie auf dem Arm. Daneben das deutsche Wort „Vergänglichkeit“. Die Sammlung von Knochen, Puppen und anderen Kuriositäten hat sie von Reisen mitgebracht, von Tattoo-Festivals und auf Flohmärkten gekauft. „Möchtest du mal das seltsamste Ding sehen, das es überhaupt gibt?“, fragt sie und holt vorsichtig etwas aus einer Vitrine, das aussieht wie ein kleiner versteinerter Vogel. „Das ist ein Lama“, sagt sie. Sie hat es in Bolivien gekauft, wo man es beim Hausbau unter dem Fundament vergräbt, um böse Geister fernzuhalten.

Das Furchterregendste in Vaghis Gruselkabinett ist jedoch ein Puppenkopf, der am Kopfende ihres Betts auf dem Fensterbrett steht. Oben ist er offen, so dass jetzt die Sonne durchs Fenster und durch eines der beiden Glasaugen hindurchscheint und es blau leuchten lässt. „Das ist mir auch schon aufgefallen“, sagt Vaghi und lacht. Dahinter stehen zwei fein verästelte Korallen, wie schwarze Flügel aufgefächert.

Unsichere Kunden werden weggeschickt

Sanne Vaghi trägt schwarz, doch düster wirkt sie deshalb nicht. Auf die Frage, ob es irgendetwas gebe, das ihr Angst einjage, muss die zierliche junge Frau lange überlegen. Dann sagt sie: „Dass die Dinge vergänglich sind.“ Ausgerechnet. Doch sie ist überzeugt: Je mehr man sich damit auseinandersetzt, desto leichter wird es. „Wenn man akzeptiert, dass Dinge vorbeigehen, kann man das, was ist, mehr genießen“, sagt sie.

Auf dem kleinen Schreibtisch in ihrem Zimmer liegt ein aktueller Entwurf, den sie bald tätowieren möchte. Ein Bär, mit stolz in die Höhe gerecktem Kopf, der Richtung Körper in organischen Linien ausläuft, bunt koloriert. Ihren nächsten Termin für ein Tattoo auf ihrem eigenen Körper hat Vaghi im Februar. Beim Gedanken daran fällt ihr noch eine weitere Sache ein, vor der sie sich enorm fürchtet. „Ich habe große Angst vor den Schmerzen beim Tätowieren“, sagt sie – in gewisser Weise auch eine gute Sache, weil sie das davon abhält, zu schnell zu viele Tattoos anzusammeln. Ihr erstes Tattoo ließ sie mit 17 Jahren machen.

Wenn sie das Gefühl bekommt, dass ein Kunde sich nicht sicher ist, schickt sie ihn weg. Die Verbindung zwischen Tattoo-Künstler und dem Kunden ist ihr sehr wichtig. „Ich verkaufe keine Sandwichs. Ich verkaufe etwas, das den Rest deines Lebens bleiben wird.“ Eine Entscheidung für ein ganzes Leben einerseits. Andererseits verschwindet Sanne Vaghis Kunstwerk am Ende auch mit dem Menschen, der es trägt.

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