Serie: Tanzen lernen (3) : Foxtrott auf die Schnelle

Wenn der Hochzeitstermin feststeht, wird es ernst: Viele Schulen bieten erste Hilfe für all jene, die Tanzkurse immer für bieder und langweilig gehalten haben.

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Mit Schwung geht es weiter: Der Swing ist Ende der 20er Jahre in den USA entstanden und bildete sich aus schwarzen Afro-Rhyhtmen und weißer Marschmusik der europäischen Einwanderer.Alle Bilder anzeigen
Foto: Kitty Kleist-Heinrich
19.11.2010 14:34Mit Schwung geht es weiter: Der Swing ist Ende der 20er Jahre in den USA entstanden und bildete sich aus schwarzen Afro-Rhyhtmen...

Vor-Platz-Platz, Rück-Platz-Platz, Wiener Walzer, müsste zu schaffen sein, aber bei Mario, einem kräftigen IT-Fachmann um die 40, verdrehen sich die Beine immer wieder zur gefährlichen Stolperfalle. Die Übertragung des Schrittmusters vom Hirn auf die Beine unterliegt einer noch nicht identifizierten Störung. Mario sagt, diesmal habe eher seine Partnerin Anja Schwierigkeiten, deshalb probiert er beim Disco-Fox etwas Neues aus. Immer, wenn die Tanzrichtung sich ändert, gibt er Anja mit dem Daumen ein Signal.

Auch Nichttänzer müssen manchmal aufs Parkett, spätestens auf der eigenen Hochzeitsfeier. Um diesen Menschen zu helfen, bieten die Berliner Tanzschulen Hochzeitskurse an, die auch als Crashkurse bekannt sind. Die Saison dafür beginnt im April und endet im August. In diesem Zeitraum finden die meisten Hochzeiten statt. Herbst und Winter ist Nebensaison. In der Schule „Traumtänzer“ läuft im November nur ein Kurs, der mit vier Paaren sehr übersichtlich gebucht ist.

Die Kursteilnehmer haben ein klares Ziel vor Augen: Keine Blamage vor Publikum. Paartanz war in Marios Leben eigentlich nicht vorgesehen – „Ich höre elektronische Musik“ – aber die Hochzeit mit Anja soll trotzdem ein klassisches Tanzereignis werden. Auch der Trauzeuge wurde zum Kurs überredet: Micha, Handwerker und Motorradfahrer, ein Fan von „harter Musik“, Heavy Metal und so. Jetzt setzt er seine Schritte mit höchster Konzentration nach dem Marianne-Rosenberg-Hit: „Er gehört zu mir...“

Weil sich nur vier Paare den Tanzsaal am S-Bahnhof Halensee teilen, kommt sich keiner ins Gehege. Kursleiterin Johanna, 21, genannt Jojo, bemüht sich um lockere Stimmung. „Disco-Fox ist – yeah – einfach wild drauflos.“ Damit beim wilden Drauflostanzen keine Verletzten zu beklagen sind, müssen die Grundschritte unbedingt sitzen. Wichtig sind auch die Proportionen: „Nicht zu große Schritte. Damenfreundlich tanzen!“, mahnt Jojo. Micha, der Metal-Fan, schiebt seine Partnerin Melanie einen Schritt übers Ziel hinaus. Wenn die Hochzeit gelaufen ist, wird das Thema Standardtanz für ihn abgehakt sein.

Spaß haben sie trotzdem, denn jeder Fehler wird ausgiebig verlacht, und Jojo hält sich vornehm zurück. Jeder soll für sich selbst definieren, welches Niveau zu erreichen ist. Ein älteres Paar braucht offenkundig keinen Tanzkurs, hat diesen aber geschenkt bekommen und erfreut sich nun daran, einfach wieder mal zu tanzen.

Viermal eine Stunde haben die Teilnehmer Zeit, Foxtrott, Wiener Walzer, langsamen Walzer und Disco-Fox zu üben. Jojo hat Musik ausgewählt, die auf vielen Hochzeiten gespielt wird: Siebziger- und Achtziger-Jahre-Pop, deutsche Schlager. Beim Walzer empfiehlt die Lehrerin, sich auf „Que sera, sera...“ einzutanzen, ein Doris-Day-Gassenhauer aus den Fünfzigern.

Eine Kleiderordnung gibt es nicht. Angezogen wird, was gefällt: T-Shirts, Jeans, Sneakers. Das ältere Paar sieht eher nach Tanztee aus. Die Trainerin macht keine Vorgaben, auch nicht bei den Schuhen. Je jünger die Kursteilnehmer, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie Turnschuhe tragen und Lackschuhe für eine Filmlegende aus dem vergangenen Jahrhundert halten. Melanie, noch keine 30, hatte sich einen Tanzkurs viel „biederer“ vorgestellt. Durch den Hochzeitskurs hat sie Lust bekommen weiterzumachen, vielleicht mit Salsa oder Merengue. Fragt sich nur, mit wem.

Hochzeitskurse sind auch deswegen beliebt, weil jetzt Generationen ins heiratsfähige Alter kommen, die als Jugendliche keine Tanzschule besucht haben. Oder der Tanzkurs liegt so lange zurück, dass alle Erinnerungen an den Kursinhalt ausgelöscht sind. Beim älteren Paar liegt die Parkettpremiere fast 50 Jahre zurück, aber weil sie zwischendurch nie wirklich aufgehört haben, wirken ihre Schritte mühelos und zielsicher. Um sie muss sich Jojo fast gar nicht kümmern.

Die Hochzeit von Mario und Anja ist erst im nächsten April. Jojo ist skeptisch, ob das Gelernte so lange vorhält. Sie sollten einige Tanzpartys besuchen, rät sie. Mario will erst mal sein Daumen-Signal verfeinern. Die Anwendung funktioniert noch nicht störungsfrei.

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