SERIE WENDEKalender : 16. März 1990

Die DDR verbannt Bücher und in West-Berlin steht eine Guillotine.

20 JAHRE MAUERFALL

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Die Bücher des Ost-Berliner Schriftstellers Lutz Rathenow sind von der Leipziger Buchmesse verbannt worden. Die Textsammlungen seien „unter Umgehung der DDR-Zollvorschriften eingeschleust worden“, heißt es zur Begründung. Rathenows Bücher dürfen nur im Westen erscheinen. Der Schriftsteller hatte sich bereits früh mit dem SED-Staat angelegt, war von der Uni geflogen und hatte einige Tage im berüchtigten Stasi- Gefängnis in Hohenschönhausen verbracht. DDR-Behörden legten ihm mehrfach die Ausreise nah, aber Rathenow lehnte stets ab.

Zur Eröffnung der Buchmesse hatte es einen Protestmarsch gegen die Regierung gegeben – vor den Objektiven westlicher Kameras. Ausgangspunkt war ein Friedensgebet in der Nikolaikirche. Die Menschen forderten „Stasi raus!“ oder „Wir wollen raus!“

In West-Berlin sorgt man sich um die Guillotine im Keller des Untersuchungsgefängnisses Moabit. Nach dem formellen Verzicht der Alliierten auf die Todesstrafe gebe es für das Fallbeil, „sorgsam verpackt und einmal pro Jahr geölt”, keine Nutzung mehr, schreibt die „Morgenpost“. Legenden ranken sich um das Instrument. Es habe schon Robbespierres edlen Hals durchtrennt, behauptet die Zeitung kühn, sei 1871 aus einem Pariser Museum geraubt und 1944 nach Berlin gebracht worden. Die Justiz wolle die Guillotine loswerden, finde aber keinen Abnehmer. Schließlich erbarmte sich das Deutsche Historische Museum, reichte das gute Stück aber gleich ans Strafvollzugsmuseum Ludwigsburg im Schwäbischen weiter. Dort ist die Berliner Guillotine bis heute zu sehen. loy

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