SERIE WENDEKalender : 23. Dezember 1989

Ohne Angst, ohne Heimlichkeiten: Herthas Ost-Fans feiern Weihnachten

JAHRE

MAUERFALL

Lautes Gejohle am Grenzübergang Friedrichstraße: „Ha-Ho-He – Hertha BSC!“ Die 30 Ost-Berliner Fans des West-Berliner Klubs feiern zum ersten Mal ganz offiziell Weihnachten – im Rathaus Pankow, natürlich im „Blauen Saal“. Bislang hatten die Fans still und heimlich im Hinterzimmer über ihren West-Berliner Lieblingsverein gesprochen, sich vor der Stasi versteckt, berichtet der Tagesspiegel. Bei der Hertha-Geschäftsstelle waren ihre Mitgliedsdaten natürlich unter falschem Namen und falscher Adresse gespeichert. „So was hab ich noch nie erlebt“, sagt Trainer Fuchs über das erste Hertha-Fantreffen im Osten. „Sie haben gestrahlt wie Kinder.“ Auch die bisher unter falschem Namen organisierte Dampferfahrt auf dem Müggelsee soll jetzt ohne Angst stattfinden.

Die West-Berliner Geschäftsleute schwelgen in traumhaften Umsatzzahlen. „Es war überwältigend, wir haben ein dickes zweistelliges Plus gemacht“, sagt Wegert-Geschäftsführer Rademacher dem Tagesspiegel. Radiorekorder und Walkmen seien „blendend gelaufen“. Bei Hertie und Karstadt fällt die Bilanz etwas gedämpfter aus. Verkaufsdirektor Engeln sagt, dass viele Stammkunden das Wochenende „kampflos“ den Schnäppchenjägern aus dem Osten überlassen hätten. Gestiegen sind aber auch die Ladendiebstähle. Im dichten Gedränge hatten die Langfinger leichtes Spiel. Jutta Limbach, West-Berliner Justizsenatorin, will die Ladendiebstahlsverfahren gegen DDR–Bürger an die DDR-Justiz abgeben.

Ärzte in der DDR machen die SED-Herrschaft für die große Zahl von Nervenleiden in der Republik verantwortlich. Die herrschenden Strukturen hätten „den Boden für ein ungewöhnlich hohes Maß an Resignation, Lethargie, Verlogenheit und Aggressionshemmung bereitet“, sagt der Vorsitzende der Gesellschaft für Psychotherapie der DDR, Michael Geyer. AG/loy

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