Serie Wendekalender : 27. Mai 1989

Sorge um ablaufende Parteibücher und Bürgerrechtsgruppen

An der Ost-Berliner Parteihochschule „Karl Marx“ haben die „2. Sekretäre der Bezirks- und Kreisleitungen“ der SED getagt. Es gibt ein Problem: Die Mitgliedsbücher der meisten Parteigenossen laufen zum 1. Januar 1990 ab und müssen infolgedessen umgetauscht werden. Die Gefahr, dass nicht wenige diesen Umstand nutzen könnten, sich still und leise aus der Partei zu stehlen, soll mit allen Mitteln gebannt werden.

Das ist der „Berliner Zeitung“ einen längeren Artikel wert, dessen letzter Absatz zeigt, wie hochentwickelt die offizielle Parteilyrik inzwischen ist. Ein kurzer Auszug aus dem Text: „Die Bewältigung der mit dem Umtausch der Parteidokumente bevorstehenden Aufgaben erfordere von allen Parteileitungen ein Höchstmaß an Komplexität in der Führungstätigkeit (und) ein offenes und schöpferisches Klima in allen Grundorganisationen.“

Derweil kursiert im Ministerium für Staatssicherheit ein Dokument, das eine weitaus deutlichere Sprache spricht. Auf 18 Seiten wird darin über Bürgerrechtsgruppen berichtet. Inzwischen gebe es in der DDR 160 dieser Gruppen, die sich die „Aufweichung, Zersetzung und politische Destabilisierung der DDR zum Ziel setzen“. Im Bericht wird das „Gesamtpotential“ dieser Gruppen auf 2500 Personen geschätzt, der „harte Kern“ auf 60 Leute. Die Zusammenarbeit mit westlichen Medien, so schreiben die Autoren, erhöhe die Schlagkraft dieser Gruppen.

Neben den öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten mit ihren Politmagazinen „Kontraste“ und „Kennzeichen D“ seien auch Privatsender aktiv geworden, etwa Radio 100 mit seiner Sendung „Glasnost“. Als wesentliche Gegenmaßnahme schlagen die Autoren des Berichts eine konsequente Unterwanderung der Gruppen vor. (loy)

Erzählen Sie Ihre eigene Geschichte aus dem Jahr des Mauerfalls auf www.tagesspiegel.de/1989

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben