Sesamstraße : Tiffy fliegt aus New York ein

Das Filmmuseum feiert den 40. Geburtstag der „Sesamstraße“ mit einer Sonderausstellung. Die Puppen wurden dafür eigens aus den USA zum Potsdamer Platz gebracht.

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Samson und Tiffy. Klaus Esch schlüpft seit 1992 in das Kostüm des Bären Samson. Wie die Puppe Tiffy war seine Figur von 1973 bis 2009 in der Sesamstraße zu sehen. Dann wurden sie ausrangiert. Foto: Thilo Rückeis
Samson und Tiffy. Klaus Esch schlüpft seit 1992 in das Kostüm des Bären Samson. Wie die Puppe Tiffy war seine Figur von 1973 bis...

Tiffy sitzt ganz rosa und fluffig da und sperrt den Schnabel auf. Gebannt scheint sie der Krönung von George VI. zuzusehen – im Museum für Film und Fernsehen am Potsdamer Platz: Viele bunte Puppen sind seit Mittwoch zu Besuch in der ständige Fernsehausstellung der Kinemathek an der Potsdamer Straße. Der Anlass für den Zuwachs, der bis April bleiben wird: „40 Jahre Sesamstraße“. Auch das Krümelmonster hockt nun zwischen den Monitoren, auf denen besondere Momente der Fernsehgeschichte laufen.

Tiffy war mehr als 25 Jahre eine der Bewohnerinnen der Sesamstraße. 1978 wurde die Puppe in Amerika eigens für die deutsche Version der US-Kult-Kinderserie entwickelt. Als sie 2005 ausrangiert wurde, schickte man sie zur Aufbewahrung zurück in die Henson-Studios nach New York – in die Wiege der Sesamstraßen-Figuren und der Muppet-Show. Jetzt ist Tiffy gemeinsam mit dem griesgrämigen Rumpel aus der Regentonne, dem blauen zierlichen Monster Feli Filu aus New York und den anderen Figuren eingeflogen worden. Auch Szenenfotos aus 40 Jahren und mehr als 20 alte Sesamstraßenfolgen sind in der Programmgalerie im vierten Stock zu sehen, etwa Testfolgen, die schon 1971 im WDR ausgestrahlt wurden. Und natürlich die allererste reguläre Folge vom 8. Januar 1973.

Eigentlich ist der 40. Geburtstag der Sesamstraße also erst am 8. Januar. Aber am Mittwochabend wurde die Eröffnung schon mal mit einer Geburtstagsparty gefeiert. Tiffy wurde dabei nicht zum Leben erweckt, dafür aber Ernie und Bert. „Kchchchchchchch“, kratzt Ernie sein berühmtes lachen hervor und bezaubert viele kleine Eröffnungsbesucher vor der Bühne. Und Bert seufzt und grummelt wie gewohnt: „Ernie, es reicht!“ Dann rufen sie einträchtig nach einer weiteren Hauptperson des Abends: „Herr Jansooon, wo sind sie?“ Der Schauspieler, Anfang der Achtziger der beste Freund des großen Bären Samson und ebenfalls Bewohner der Sesamstraße, springt auf die Bühne.

40 Jahre Sesamstraße
Ganz hinten mampft das Krümelmonster einen Keks. Tiffy sperrt aufgeregt den Schnabel auf. Und Samson hat sein Kostüm noch nicht angezogen: Klaus Esch schlüpft seit 20 Jahren in das braune Fell des Bären. Am Mittwoch sah er sich die Ausstellung "40 Jahre Sesamstraße" im Museum für Film und Fernsehen, Potsdamer Straße 2, erstmal in Zivil an. Am Abend wurde sie eröffnet und der runde Geburtstag ausgiebig gefeiert. Die Figuren Samson und Tiffy waren 1978 eigens für die deutsche Version der US-Kult-Kinderserie "Sesamstrasse" entwickelt worden. 2005 wurden die beiden ausrangiert. Seitdem tritt Esch nur noch ab und zu live als Samson auf. Sein Kostüm wird im Foyer des Museums zu sehen sein - und zwar bis zum 7. April.Alle Bilder anzeigen
1 von 7Foto: Thilo Rückeis
12.12.2012 17:11Ganz hinten mampft das Krümelmonster einen Keks. Tiffy sperrt aufgeregt den Schnabel auf. Und Samson hat sein Kostüm noch nicht...

„Puppen sind doch auch nur Menschen wie wir alle“, sagt er. Und erzählt, dass das Mitspielen in der Sesamstraße ihn dazu motiviert hat, eigene Kinder zu bekommen. Dann kommt endlich Samson in seinen riesigen Turnschuhen hereingetapst und überragt alle. Einige Kinder fangen an zu weinen. „Wer ist denn das, den kenne ich gar nicht“, fragt ein kleiner Junge seinen Vater. Der Mittdreißiger ist erstaunt. Seit 2009 ist auch Samson ausrangiert.

Jetzt liegen sich Horst Janson und Samson in den Armen als hätten sie sich furchtbar vermisst. "Du bist ja gewachsen", sagt Janson. „Lange nicht gesehen“, sagt Samson. In seinem 25-Kilo-Samson-Kostüm steckt seit 20 Jahren der Schauspieler Klaus Esch. Und der hat Horst Janson eigentlich erst im vergangenen Jahr kennen gelernt und nie mit ihm in der Sesamstraße gespielt. Denn als Janson in der Sesamstraße mitspielte, hieß der Samson-Darsteller noch Peter Röders, ein wesentlich kleinerer Mann als Esch. Deshalb musste das Kostüm für ihn größer werden - und damit auch der Bär.

Esch ist für den Samsonauftritt eigens aus Flensburg angereist, wo er heute als Psychologe arbeitet. Esch trägt das Plüschfell nur noch für seltene Live-Auftritte. „In all den Jahren ist Samson schon so eine Art Alter Ego geworden. Er ist eine tolle Figur, stark, naiv, aber auch pfiffig“, sagte der heute 51-jährige Esch, als er am Mittwochmittag schon mal durch die Ausstellung schlenderte. Sacht berührte Esch dann den Samt-Tentakel eines Krakenkostüms, das auf einer Ankleidepuppe ausgestellt ist: „Das hat Dirk Bach getragen. Mit ihm gab es viele schöne Geschichten.“ Von 2000 bis 2007 war der kürzlich verstorbene Komiker in der Sesamstraße aufgetreten.

Dass Samson nicht mehr in der Sesamstraße auftritt, findet Esch ein bisschen schade. Ebenso, dass die Sendung heute nicht mehr so viele Kinder sehen wie früher. Schließlich läuft sie seit Jahren nicht mehr um 18 Uhr – sondern morgens früh. „Es ist eben die Frage, wie man mit so einem Kult umgeht“, sagt Esch. „Ob man es schafft, ihn zu erhalten oder nicht.“ Die Geburtstagsfeier am prominenten Ort findet Esch in diesem Zusammenhang besonders „toll – hier in der Haupt- und Medienstadt.“ Selbstverständlich sei das nicht, weil die Sesamstraße eine Produktion des Norddeutschen Rundfunks (NDR) ist und in Hamburg gedreht wird. „Der NDR ist auf uns zugekommen“, sagt Kuratorin Gerlinde Waz dazu. „Unser Haus mit der Fernsehausstellung eignet sich eben besonders gut dafür.“

Am Abend bleibt Esch viel länger als geplant in seinem schweren Kostüm. Alle wollen ihn anfassen und ein Foto mit ihm – vor allem Mittdreißiger, gestandene Männer , die sich zärtlich an ihn kuscheln. Dabei will er doch nur in seine Hängematte – im Erdgeschoss neben der Kasse. Da ist Samson während der Ausstellung zu sehen. Aber bevor er „rückwärts in den Fahrstuhl einparkt“, wagt er noch ein kleines Tänzchen ohne Musik – mit Kuratorin Gerlinde Waz.

„40 Jahre Sesamstraße“, Museum für Film und Fernsehen, Potsdamer Straße 2; Di–So 10–18 Uhr, Do 10–20 Uhr. 2 Euro (Schüler) bis 14 Euro (Familien)

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