Berlin : Sex and Drugs

Jerry Hall machte Mick Jagger glücklich. Jetzt wirbt sie in Berlin für eine Pille gegen Impotenz

Deike Diening

Als Jerry Hall den Mann mit der langen Zunge heiratete, standen sie auf der Insel Bali und Mick Jagger hielt ein Schwert in der Hand. Es gab nach dem Hindu-Ritual fünf geschlachtete Hühner, die Trauung dauerte fünf Stunden. Von da an war irgendwie klar, es würde in dieser Beziehung auch um Ausdauer gehen.

Zig Seitensprünge und über 20 Jahre später tobt Mick Jagger noch immer auf Bett und Bühne, und Jerry Hall ist jetzt für die Pharma-Firma Bayer „Botschafterin für ein gesundes Liebesleben“ geworden. In dieser Eigenschaft ist sie nach Berlin geflogen, hat sich gestern Vormittag in ein rosakariertes Kostüm geworfen, den Rücken durchgedrückt und ihre hellen Pumps im Teppich des „Raum Tessin“ im Hotel Schweizerhof versenkt.

Bayer hat ein Medikament entwickelt, damit Männer wieder können – und dann Jerry Hall, die Standhafte, verpflichtet, dies für ein unbekanntes Entgelt gut zu finden. Der „Raum Tessin“ ist gestaltet wie ein Messestand. Sie haben Redner und Zuhörer eingeflogen. Lauter aufsteigende Flämmchen zieren die Wand und symbolisieren irgendetwas. Bevor man aber Jerry Hall zu sehen bekommt, spricht ein gut durchbluteter, britischer Sexualmediziner. Man hätte sich früher zu sehr auf den Penis konzentriert, sagt er, „und den Mann vergessen, der daran hängt.“ Das sei ein Fehler seiner Zunft. Heute würde man nicht nur den ganzen Mann sehen, sondern das Paar. Dann führt er vor, wie Depressionen und Isolation auf „ED“, nämlich „erektile Dysfunktion“ zurückzuführen sind. Konzentrationsschwächen und Entfremdung in Beziehungen auch. Impotenz heißt jetzt „ED“.

Warum sagt er das? Damit die Männer möglichst schnell zum Arzt gehen. Damit sie dort vielleicht ein Medikament verschrieben bekommen, eines von Bayer, um genau zu sein, das „Levitra“ heißt. Dass es schon ein Konkurrenzprodukt namens „Viagra“ gibt, sagen sie nicht. Auch nicht, dass „Cialis“ länger wirken soll, „Levitra“ dafür schneller. Sie sagen stattdessen, dass die Frauen mit ihren Männern über „ED“ reden sollen, damit endlich ein Tabu aufbricht.

Denn die Pharmafirma hat als Erste den Hebel entdeckt, der über die Frauen funktioniert. Ob der Mann zum Arzt geht und ein Medikament nimmt, haben sie in Studien herausgefunden, hängt nämlich davon ab, was seine Bettgenossin denkt und sagt. Ein Urologe aus Leads gibt jetzt Empfehlungen. Wenn eine Frau sage: „Durch die ED bin ich in meinem Alltag weniger selbstbewusst“, gehe er am wahrscheinlichsten zum Arzt. Sagt sie aber, es sei sicher nur Stress und ginge vorbei, geht er nicht.

Sie nennen es auch nicht Potenzmittel, das klingt zu gierig. Ihr Medikament, so haben sie in Studien herausgefunden, nimmt man sowieso nicht aus Gier, sondern aus Gnade. Damit die Partnerin ausgeglichener und glücklicher ist. Ein Professor aus Kanada versucht jetzt diese Erkenntnisse über die Rolle der Frau als „einen Sieg für die Weiblichkeit“ zu verkaufen. Denn auch sie hat ja was davon. Eine Aachener Wissenschaftlerin sagt dann nochmal das Gleiche in anderen Worten.

Aber jetzt kommt endlich Jerry Hall. Sie trägt Locken, mit denen sie eine Weinflasche öffnen könnte. Sie wirft sich zurück, kariert tailliert, und die Blitzlichter hämmern durcheinander, als hätte ein Großraumbüro soeben begonnen, auf elektrischen Schreibmaschinen zu tippen. Auf einem Barhocker sitzend, neben ihr der englische Sexualmediziner, dessen Kopf unterdessen noch besser durchblutet ist als vorhin, liest sie vom Blatt: „Ich hoffe, dass wir die erreichen können, die da draußen Hilfe und Rat benötigen.“ Es klingt, als spreche sie über ein Entwicklungsland. Und es ist ein Entwicklungsland. Mit weltweit geschätzten 152 Millionen Einwohnern: Männer mit „ED“, von denen sich maximal 20 Prozent behandeln lassen, sagt Bayer. Ein gigantischer Markt.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben