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SEX AUF DER STRASSE IN SCHÖNEBERG Immer mehr Huren, immer mehr Freier – und die Anwohner fühlen sich verdrängt : Love, Sex – und Albträume

13.10.2007 00:00 UhrVon Sven Goldmann

Prostitution gab es immer in der Kurfürstenstraße, aber nie so aggressiv und präsent wie heute. Jetzt soll noch ein Bordell dazukommen

„Die Potsdamer Straße, wo die miesesten Nutten Berlins ihr Revier haben, war nur rund 200 Meter vom Babystrich auf der Kurfürstenstraße weg. Manchmal machten sie regelrecht Treibjagd auf Fixerinnen. Kriegten sie eine, dann kratzten sie das Gesicht zu Hackfleisch.“

Bald dreißig Jahre ist es her, dass Christiane F. ihren Alltag als anschaffendes Drogenkind geschildert hat. Ihr Buch heißt „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, das klingt griffiger als „Wir Kinder von der Kurfürstenstraße“. Dabei hat Christiane F. hier einen Großteil ihrer Drogenkarriere verbracht. An der Grenze zwischen Schöneberg und Tiergarten, wo sich die Junkies vom Zoo ihre Sucht finanzierten.

Ein paar hundert Meter weiter an der Genthiner Straße stand das Sound, Europas damals größte Diskothek, die eine Generation von Heranwachsenden in den Bannkreis des Heroins zog. Seitdem kämpft der Kiez um seinen Ruf. Es gibt kleine Siege, etwa wenn zur „Magistrale Kulturnacht“ die Potsdamer Straße erleuchtet. Wenn Touristengruppen das Varieté im Wintergarten besuchen. Wenn die Feuilletons über den Einfluss der Intellektuellen vom Café Einstein debattieren.

Zurzeit sieht es mal wieder nach einer Niederlage aus.

Die Prostitution war immer da, aber noch nie so stark und aggressiv und präsent wie heute. Sie schert sich nicht mehr um die 200 Meter, den von Christiane F. beschriebenen Schamabstand zwischen den Stellplätzen der Junkies an der kleinen Kurfürstenstraße und der Betriebsamkeit an der großen Potsdamer Straße. Die Mädchen vom Babystrich haben sich nie ganz herangetraut an die belebte Kreuzung. Wer nicht wollte, der bekam nichts mit von der Parallelwelt jenseits von Woolworth und Bolle. Die Schlipsträger der Start-up-Unternehmen blieben unbehelligt auf dem Weg vom U-Bahnhof Kurfürstenstraße zu ihren Büros in der zentralen Randlage des neuen Berlin. Im beginnenden dritten Jahrtausend inszenierte sich die Potsdamer Straße mit ihren Werbeagenturen und Zeitungsverlagen als M-Street. Mit M wie Media und Verbindung zum neuen Potsdamer Platz. Man hatte Verständnis für die Nöte der Junkies und sich durchgerungen zur Erkenntnis, eine Vertreibung der Szene könne nicht das gesellschaftliche Problem von Drogen und Beschaffungskriminalität lösen. Der Kiez hatte seinen Frieden gemacht mit den Frauen vom Strich.

Dann kam das LSD. Love, Sex, Dreams. Der Erotik-Supermarkt in den Räumen des früheren Fotokaufhauses Wegert an der Potsdamer Ecke Kurfürstenstraße.

„Seit es das LSD gibt, hat sich die Stimmung in der Gegend dramatisch verändert“, sagt Angelika Schöttler, die Stadträtin für Familie, Jugend, Sport und Quartiersmanagement im Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Frau Schöttler sagt, der Kiez vertrage nicht noch mehr Prostitution. Es soll aber mehr kommen, viel mehr, eine Art Großbordell. Im Behördendeutsch nennt sich das „gewerbliche Zimmervermietung“. Ein entsprechender Genehmigungsantrag liegt dem Bezirksamt zur Prüfung vor. In den Betonwürfeln über der Ladenfläche des Erotikkaufhauses LSD soll Platz geschaffen werden für 40 Prostituierte. Baustadtrat Bernd Krömer will kein Großbordell, aber mit dem Verbieten sei das so eine Sache. Die rechtliche Situation in einem gemischten Wohn- und Gewerbegebiet verlange nach einer guten Begründung.

Regine Hosnitzer sagt, man könnte es doch mal mit der nicht gegebenen Sozialverträglichkeit versuchen. „Es sieht doch jeder, dass dieser Kiez kurz vor dem Abkippen steht.“ Frau Hosnitzer wohnt nebenan in der Bülowstraße, sie arbeitet als Rechercheurin für amerikanische Zeitungen und engagiert sich in der Interessengemeinschaft Potsdamer Straße. „Seit 1999 wird über das Quartiersmanagement so viel Geld in diese Gegend gesteckt. Will man das jetzt alles aufgeben?“

Es ist ja nicht nur die Kurfürstenstraße. Die Claims in Schöneberg-Nord und Tiergarten-Süd sind sorgfältig abgesteckt. An der Frobenstraße stehen die Transvestiten, am Magdeburger Platz die etwas älteren Damen vom Hausfrauenstrich. Was der Szene noch gefehlt hat zur Hochburg des horizontalen Gewerbes, ist ein großes Bordell.

Ganz ohne war diese Gegend nie. Schon zu Kaiserzeiten strahlte das rote Licht hier so hell wie fast nirgendwo sonst in der Reichshauptstadt. Damals sprach man noch von Dirnen, und sie pickten ihre Kavaliere noch an den Haltestellen der Straßenbahn auf. Auch zu Nazizeiten war die Potsdamer Straße als Schmuddelmeile bekannt. Das blieb so bis in die späten achtziger Jahre, als die Potsdamer Straße berüchtigt war für eher rustikale Matronen in schummrigen Bars und Hauseingängen. Eine Anwohnerin, sie ist um die fünfzig, erzählt, früher hätten die Huren von der Potse irgendwie dazugehört. Sie hätten schon mal mit den Kindern aus der Nachbarschaft geschimpft, wenn die zu spät von der Schule nach Hause kamen.

Heute stehen die Huren mit ihren eigenen Kindern an der Hand auf dem Strich. Es sind keine Berliner Originale mehr. Dem Akzent nach kommen sie vorzugsweise aus Ost- und Südosteuropa. Man weiß nicht viel über sie. Die Huren-Selbsthilfeorganisation Hydra hat eine Dolmetscherin engagiert, um ins Gespräch mit den Frauen zu kommen. Es ist die Kontaktaufnahme mit einer anderen Welt.

Frau Hosnitzer von der Interessengemeinschaft Potsdamer Straße erzählt, was sie so zu hören bekommt. Von den jungen Familien, die fortgezogen seien, weil die Eltern ihren Kindern nicht mehr erklären wollten, warum die Frauen auf der Straße so komisch angezogen seien. Und woher die Frauen denn den Papa so gut kennen würden, dass sie mit ihm nach Hause gehen wollen. Die Gäste der Jugendherberge an der Kluckstraße trauten sich kaum mehr, nach Einbruch der Dunkelheit aus der U-Bahn zu steigen. Der Radiosender Energy sei auch deswegen weggezogen, weil er im Studio an der Potsdamer Straße keine Sendungen mit Jugendlichen machen konnte, „da haben die Eltern nicht mitgespielt“. In das Textilgeschäft kämen die Huren immer zu viert, quasi als Rollkommando, und die Verkäuferinnen seien schon so stark eingeschüchtert, dass sie auch offensichtliche Diebstähle übersehen.

Zentraler Treffpunkt der neuen Szene ist das Erotikkaufhaus LSD. Nachmittags stehen schon mal bis zu zehn Huren unter dem Vordach, das Schutz bietet vor Wind und Regen. Die Frauen bemühen sich nicht um Unauffälligkeit und lassen die Umgebung an geschäftsanbahnenden Unterhaltungen teilhaben. Sie greifen nach den Armen der Passanten und bei Widerwilligen auch in den Schritt. Und dann gibt es noch die Beschützer, früher nannte man sie Zuhälter. Es kommt schon mal vor, dass ein Autofahrer mitten auf der Straße hält und laut mit denen unterm Dach debattiert. Der Verkehr bahnt sich links und rechts seinen Weg vorbei.

Manchmal verfolgten die Huren die um Diskretion bemühten Männer bis in die Geschäftsräume hinein. Immer wieder verschwinden Frauen durch den Hintereingang im LSD. Es heißt, die Videokabinen dort werden nicht nur zum Anschauen von Sexfilmchen genutzt. Am Schaufenster klebt ein Inserat von unfreiwilliger Zweideutigkeit: „Aushilfskräfte auf 400-Euro-Basis gesucht.“

Das LSD öffnet morgens um neun und schließt nachts um eins. In der Dunkelheit leuchtet die lila Neonreklame fast bis zum Landwehrkanal. Vor ein paar Wochen wurde die Polizei zur Schlichtung eines ungewöhnlichen Streits gerufen. Vor dem LSD prügelten sich Frauen in zweistelliger Zahl um die Vorrechte im alten, neuen Rotlicht-Revier. Sie kamen aus Rumänien und Tschechien und Bulgarien, Zeugen wollen gesehen haben, wie die Frauen mit Holzlatten und Baseballschlägern aufeinander eindroschen. Es war beinahe wie in den Erinnerungen der Christiane F.. Als die Professionellen den Mädchen vom Babystrich die Gesichter zu Hackfleisch zerkratzten.

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