Sexueller Missbrauch : „Eigentlich wollten wir da Mädels kennenlernen“

In einer Kreuzberger Shisha-Bar sollen Jungen sexuell missbraucht worden sein. Sie schämen sich dafür, die Kneipe betreten zu haben. Wie vier Jugendliche mit billigen Tabak- und Getränkepreisen angelockt wurden und was sie dort erlebt haben.

Tanja Buntrock
Misshandlungsopfer
Tatort Shisha-Bar. Amir hatte in der Kneipe angeblich einen Ferienjob. -Foto: Buntrock

BerlinDie vier Jugendlichen stellen gleich zu Beginn eines klar: „Keine Namen, und keine Fotos, auf denen wir zu erkennen sind.“ Zu groß ist die Scham, dass ihre Eltern etwas mitbekommen könnten. Dann berichten Hassan, Erkan, Abdul und Amir (alle Namen geändert) über das, was sie in den Sommerferien 2007 in der Shisha-Bar Jayson’s erlebt haben wollen.

Hier, in der Kreuzberger Eisenbahnstraße, sollen die beiden mutmaßlichen Sexualstraftäter Marcus E. (40) und Frank R. (42) Kontakte zu Jungen geknüpft haben, um sie später in ihren Wohnungen sexuell zu missbrauchen. Frank R. wird sogar vorgeworfen, drei der Jungen zum Oralsex gezwungen haben, obwohl er wusste, dass er mit dem Aidsvirus HIV infiziert ist. Der Skandal wurde vorigen Mittwoch bekannt, als die Polizei genügend Beweise hatte, um die beiden Männer zu verhaften. Doch wie bereits vermutet, ist das Ausmaß größer als bislang bekannt: Von zwölf Opfern (12 bis 15 Jahre) wusste die Polizei bislang. Nun hätten sich weitere Minderjährige gemeldet, hieß es gestern bei der Staatsanwaltschaft. Die Ermittler prüften, „ob es sich um Wichtigtuer handelt, oder ob sie wirklich Opfer sind“, sagte ein Beamter.

„Glücklicherweise wurde von unserer Clique keiner missbraucht“, behauptet Abdul (14). Doch wie sind die Jugendlichen überhaupt in die Shisha-Bar und somit in das Umfeld von Betreiber Marcus E. gekommen?, „Als ich einmal im Kiez einkaufen war, kam Marcus auf mich zu und hat mich angesprochen“, sagt Erkan. Er habe ihm einen Flyer der Shisha-Bar in die Hand gedrückt und ihm gesagt, er solle mit all seinen Kumpels mal vorbeikommen.

Mit angeblichen Modelverträgen lockte man die Opfer in die Wohnung

Marcus E. habe „korrekt ausgesehen“: Die neusten Nike-Sportschuhe und „coole Armee-Tarnhosen“ habe er getragen, „und fast jede Woche ein neues, teures Auto gefahren“, erzählen sie. Das habe den Jugendlichen aus dem Kiez schon imponiert. „Außerdem ist Shisha-Rauchen bei uns angesagt, deshalb sind wir dorthin“, sagt Hassan. Statt 3,50 Euro wie anderswo, mussten sie im Jayson’s nur zwei Euro für den Zug an der Wasserpfeife zahlen. Ein Glas Cola habe es dort schon für einen Euro gegeben. „Außerdem waren auch Mädels da. Eigentlich sind wir deshalb hin, um die kennenzulernen.“

Dass viele der Jugendlichen mit angeblichen Modelverträgen für Werbefotos in die Wohnungen von Marcus E. und Frank R. gelockt und dann sexuell missbraucht wurden, das hätten die Vier nur von ihren Freunden gehört. Hassan berichtet, dass Marcus E. ihn und seine Kumpel einmal aus der Bar weggeschickt habe, weil „dort eine geschlossene Gesellschaft feiern wollte“. Hinter den heruntergelassenen Jalousien seien einige der deutschen Jungen, die Hassan nicht kannte, mit mehreren Männern geblieben.

Der 14-jährige Amir erzählt, dass er im vorigen Sommer einen „Ferienjob“ im Jayson’s hatte und hinter dem Tresen stand. „Ich habe mitbekommen, dass Marcus mit einigen Jungen Dart gespielt hat. Wer verloren hat, der musste ein Kleidungsstück ausziehen.“ Alle Vier erzählen, dass ein weiterer Kumpel von Marcus E. einmal am Po berührt worden sei. „Der hat sich dann gewehrt und eine Wasserpfeife umgetreten“, sagt Abdul. Zur Polizei sei der Junge aber nicht gegangen.

Auch die Vier schämen sich ein wenig dafür, dass sie überhaupt in der Bar waren. Für Marcus E., den sie anfangs so nett und überzeugend fanden, haben sie heute nur einen abfälligen Namen übrig.

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