Berlin : SFB stellt Fernsehdokumentation über Verschleppung des CDU-Politikers 1977 vor

Stephan Wiehler

Der Mythos lebt - offenbar nicht nur in den Köpfen der ehemaligen Terroristen, die vor 25 Jahren den Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz entführten. Kaum haben Ralf Reinders und Ronald Fritzsch am Dienstagabend den Sitzungssaal im Rathaus Schöneberg betreten, werden die verurteilten Menschenräuber von Journalisten umzingelt - wie Popstars, die ihr heiß erwartetes Comeback-Album vorstellen wollen.

Zur Pressevorführung der Fernsehdokumentation "Der Austausch - Die vergessene Entführung des Peter Lorenz" ist auch Klaus Schütz gekommen. Doch der 73-jährige SPD-Politiker, der sich 1975 als Regierender Bürgermeister für das Leben seines politischen Gegenspielers Lorenz einsetzte, beobachtet den öffentlichkeitswirksamen Auftritt der beiden Alt-Anarchos fast unbeachtet. Der Terror der Roten Armee Fraktion (RAF) vom Herbst 1977, die Dichte der Ereignisse zwischen der Entführung und Ermordung des Arbeitsgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer - die Befreiung der gekaperten Lufthansa-Maschine "Landshut" in Mogadischu und der Kollektivtod der RAF-Häftlinge in Stammheim - mag die Erinnerung an die Entführung von Peter Lorenz durch die "Bewegung 2. Juni" im Rückblick erschwert haben.

Doch der Anschlag auf den Berliner CDU-Chef, der am 27. Februar 1975 auf dem Weg ins Büro verschleppt und acht Tage später im Austausch gegen sechs inhaftierte Gesinnungsgenossen der Terroristen freigelassen wurde, war der Auftakt zu jener bleiernen Zeit, deren Bilder sich tief in das Bewusstsein der alten Bundesrepublik eingesenkt haben.

"Wer soll freikommen: die sechs Terroristen oder Peter Lorenz?" Mit der Kardinalfrage nach der Erpressbarkeit des Staates, die 1975 die Krisenstäbe in Bonn und Berlin vor die Wahl zwischen Menschenleben und Staatsräson stellte, eröffnen die Filmautoren Klaus Stern und Klaus Sage ihre Fernsehdokumentation "Der Austausch", eine Auftragsproduktion des Sender Freies Berlin (SFB) und des Südwestrundfunks (SWR), die zum 25. Jahrestag an die Lorenz-Entführung erinnern soll. Der dokumentarische Polit-Thriller, der sich jeden Kommentars enthält, lässt die Ereignisse in Tagesschau-Ausschnitten und Interviews Revue passieren - eine spannende Kolportage, die eine historische Einordnung des ersten politischen Entführungsfalles in der Bundesrepublik den Zuschauern überlässt. Zu Wort kommt Altkanzler Helmut Schmidt, der den CDU-Spitzenkandidaten für die Abgeordnetenhauswahl zwei Tage vor dessen Entführung für seine Forderung nach verschärften Maßnahmen zur inneren Sicherheit verspottet hatte: "Der muß sich offenbar nachts fürchten."

Die Forderungen der Lorenz-Entführer nach Freilassung verurteilter Straftäter stellten die Amtsträger des Staates vor eine Gewissensfrage, die für die Beteiligten zur Zerreißprobe wurde - unabhängig vom Parteibuch. Während sich Justizminister Hans Jochen Vogel gegen einen Austausch aussprach, zählte sein Parteigenosse Klaus Schütz zu den Befürwortern. Schütz steht auch heute noch zu seiner Haltung, Lorenz sei "als Mensch gerettet" worden, "nicht als Funktionsträger oder Oppositionspolitiker".

Auch ein Viertel Jahrhundert nach dem Austausch der sechs Terroristen und der anschließenden Freilassung von Peter Lorenz hält Schütz Distanz zu den beiden Ex-Mitgliedern der "Bewegung 2. Juni", die sich auf Einladung des SFB an diesem Abend der Diskussion mit dem Publikum stellen. Der ehemalige Regierende Bürgermeister meidet den Blickkontakt mit seinen Sitznachbarn, die jeweils 15-jährige Haftstrafen für ihre Beteiligung an der Entführung verbüßten. Im Film berichten Reinders und Fritzsch von der Entführung wie von einem Max-und-Moritz-Streich, lächeln sich an wie verstohlene Schuljungen und bekennen unverhohlen: "Es war schon ziemlich abenteuerlich." Zwar sei das Ziel gewesen, Lorenz zu erschießen, wenn der Staat nicht Folge leiste, bekennt Mittäter Till Meyer, doch Fritzsch legt die Vermutung nahe, alles sei doch mehr oder weniger nur ein Jokus gewesen: "Wir hätten es nicht getan."

Reinders und Fritzsch schwärmen auch heute noch von den "humanen Bedingungen" ihres "Volksgefängnisses" in der Schenkendorffstraße, in dem sie Peter Lorenz die Zeit mit Schachspielen verkürzten und das Ohnsorg-Theater im Fernsehen ansahen, während die Republik um das Leben ihres Opfers bangte. An ihren Legitimationsversuchen aus der ideologischen Mottenkiste der ausrangierten Stadtguerilla halten sie fest wie an ihren langen Haaren und ihrer Sucht nach filterlosen Roth Händle. Klaus Schütz zeigt sogar Verständnis für diesen "Druck zur Selbstrechtfertigung": "Wer so lange im Knast gesessen hat für eine Jugendsünde, der kann vielleicht nicht mehr anders.""Der Austausch - Die vergessene Entführung des Peter Lorenz", 17. Februar, 21.45 (ARD), 27. Februar, 22 Uhr (B 1).

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