Berlin : Shalom am Gesundbrunnen

Wie ein multikulturelles Wohnprojekt jüdische Kultur nach Wedding importieren will

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Vor dem HerthaFan-Laden warten ein paar türkische Jugendliche auf ihre Freunde, zwei Rentnerinnen plaudern im Hauseingang, deutsche und türkische Passanten eilen über die Straße ins Gesundbrunnen-Center. Jüdisches Leben? „Das gibt’s in dem Sinne hier nicht“, sagt Schahrzad Derakhshan. Dies zu ändern ist das Ziel der Lichtburg-Stiftung, für die die junge Frau arbeitet.

Gegründet hat sie der deutsch-jüdische Besitzer des Miethauskomplexes Gartenstadt Atlantic, der ungenannt bleiben möchte. Stück für Stück will er jüdische Kultur in diesen Teil des Weddings zurückbringen. Die kleine Siedlung zwischen Behm- und Bellermannstraße, deren 50 Häuser derzeitig aufwändig renoviert und nach und nach wieder vermietet werden, soll ein deutsch-türkisch-jüdisches Integrationsprojekt werden. Und damit den Reformgedanken weiterentwickeln, in dem der jüdische Architekt Rudolf Fränkel die Gartenstadt vor 75 Jahren erbaute. Zwar war das Arbeiterviertel auch vor der Nazizeit kein Zentrum jüdischen Lebens, aber immerhin eines von vielen Beispielen für deutsch-jüdisches Miteinander.

Doch jüdische Kultur in ein Viertel zu bringen, in dem nach den späten 30er Jahren kaum jüdisches Leben übrig blieb, ist nicht leicht. „Man muss das von außen importieren“, sagt Michael Wolffsohn, der renommierte Historiker, der im Vorstand der Lichtburgstiftung sitzt. Mittelpunkt der Integration soll das Lichtburgforum werden. Der Veranstaltungssaal wurde nach dem Lichtburg-Kino benannt, dem 1970 abgerissenen Amüsiertempel für Weddinger Arbeiter. Pächter der Lichtburg und vorübergehend auch Besitzer der Gartenstadt war Karl Wolffsohn, Michaels Großvater. 1938 zwangen ihn die Nazis, der Enteignung der Gartenstadt Atlantic zuzustimmen. Nach dem Krieg gelang es seinen Erben, den Wohnkomplex zurückzubekommen. Die Lichtburg blieb enteignet.

Das Lichtburgforum will an die Zeiten vor 1933 im Geiste anknüpfen, mit einem multikulturellen Programm aus Filmen, Lesungen, Musik und Gesprächen. Dafür umwirbt Michael Wolffsohn Künstler und Intellektuelle, die sich für die Verständigung der Religionen und Kulturen einsetzen. Letzte Woche war Schriftsteller György Dalos zu Gast, davor sprach Lea Rosh über Türken und Deutsche, und bei den Jüdischen Kulturtagen wird am 24. November die Inszenierung „leittönen2“ aufgeführt, die jiddische, arabische und deutsche Musik miteinander verbindet.

Auch bei der Zusammensetzung der Mieter streben die Atlantic-Besitzer eine multikulturelle Mischung an. Im Moment leben in den rund 500 Wohnungen meist türkische Familien. Nun wirbt die Gartenstadt gezielt um jüdische Mieter. Eine prominente deutsch-jüdische Institution ist dem Ruf schon gefolgt: Die Wochenzeitung „Der Aufbau“ hat hier ihr Büro eröffnet. „Wir passen hierher“, sagt Büroleiterin Ines Hirschfeld. „Unsere Mitarbeiter sind so bunt gemischt wie es die Bewohner der Gartenstadt sein sollen.“ lvt

Lichtburgforum, Behmstr. 13, Karten: Tel. 48478065 ( www.lichtburgforum.de )

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