Carsharing als Statussymbol

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Sharing Economy in Berlin : Die geteilte Stadt
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4. Die ideale Stadt? Ein simpler Gedanke, aber einer mit Strahlkraft: Nicht der Besitz sei entscheidend, sondern der Zugang zu etwas. Diese Grundüberzeugung eint alle Anhänger der „Sharing Economy“, einer Bewegung, die glaubt, dass Teilen die Welt verbessern kann, zumindest den eigenen Alltag. Es ist weit mehr als ein Trend. Denn Trends gehen auch wieder, und das ist hier nicht zu erwarten. Harald Heinrich, Professor für Nachhaltigkeit und Politik an der Uni Lüneburg, schätzt, dass schon 14 Prozent der Deutschen auf die eine oder andere Art in den Sharing-Kosmos eingestiegen sind. Zur „Sharing Economy“ gehören private Initiativen und gemeinnützige Vereine ebenso wie Start-ups, die vor allem auf Umsatz aus sind. Unter Letzteren haben sich einige bereits zu hochprofitablen Unternehmen entwickelt. Besonders in den USA, im Großraum San Francisco, herrscht Sharing-Goldgräberstimmung.

Das „Time Magazine“ hat die Parole „Zugang statt Besitz“ als eine der Ideen bejubelt, die unseren Planeten radikal verändern werden. Kritiker fürchten, die Ökonomie des Teilens schade bloß dem Sozialstaat, weil sie Arbeit dereguliere, Arbeitnehmerrechte umgehe, Gewerkschaften entmachte, Schwarzarbeit fördere. Die Anhänger glauben, sie sei die einzig mögliche Antwort auf Konsumwahn und Ressourcenvernichtung. Harald Heinrich, der Professor, sagt, dass es den Befürwortern nicht allein ums Sparen gehe. Teilen stärkt die sozialen Beziehungen und macht ein gutes Gewissen. In Berlin boomt die „Sharing Economy“ in allen Bereichen. Leben wir in der Hauptstadt des Teilens? Ein Grund dafür könnte sein, dass die Berliner besonders geübt darin sind, hinzunehmen, wenn etwas nicht ganz und gar perfekt ist. Wenn ein Buch Eselsohren hat oder ein Gebrauchsgegenstand eine Macke. Weil die Menschen hier daran gewöhnt sind, dass mal etwas dreckig oder reparaturbedürftig ist oder sonst wie nervt. Weil das ihre Stärke ist: Wer hier lebt, hat gelernt, sich zu arrangieren.

5. Neue Statussymbole. Erst wenn man selbst Mitglied eines Carsharing-Dienstes ist, fällt einem auf, wie viele Leihautos bereits auf Berlins Straßen unterwegs sind. Allein 755 von den kleinen Weißen und 900 von den dunklen mit türkisfarbenem Stadtplanaufdruck. Die einen heißen Car2Go, die anderen DriveNow, gemeinsam haben sie: Sobald man am Ziel ist, kann man das Auto einfach abstellen und Tschüss sagen – solange es nicht im Haltverbot steht oder außerhalb des Geschäftsbereichs des jeweiligen Anbieters. „Free Floating“ heißt das Prinzip, und weil es billiger als Taxifahren ist (aber teurer als der Bus), gewinnen die Anbieter stetig an Kundschaft. Den größten Spaß gibt es gratis dazu: Vor Beginn der Fahrt wird man aufgefordert, die Sauberkeit des Vornutzers zu bewerten. Wenn der durch den Matsch gefahren oder auf den Beifahrersitz gekrümelt hat, soll man das dem Computer anzeigen. Das könnte man Aufforderung zur Denunziation nennen. Trotzdem macht es schwer süchtig. Manche begreifen ihre Free Floating Cars auch als Statussymbole: Seht her, ich gehöre zu den Klugen, und zu den Bequemen allemal. Vom Erfolg in Deutschland angestachelt, versucht Car2Go jetzt übrigens auch in den USA Fuß zu fassen. Am heutigen Samstag startet eine Fahrflotte im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Die kriegen aber erst mal nur 400 Autos.

6. Wohnen und wohnen lassen. Die Berliner Fotografin Jana Leglin, 34, wollte günstig reisen und unterwegs Einheimische kennenlernen. Deshalb hat sie sich vor fünf Jahren bei der Webseite „Couchsurfing“ angemeldet, dafür zahlte sie einmalig 19 Euro. Sie hat in Malmö, Kopenhagen, Utrecht, London, Bristol und an mehreren Orten in Neuseeland auf der Couch von Fremden übernachtet, kostenlos. 15 Mal hat sie seitdem einen Fremden auf dem Gästebett ihrer Berliner Wohnung übernachten lassen, ebenfalls gratis.

Arno, 29, wollte Geld fürs Reisen haben. Deshalb inserierte der selbstständige Künstler seine Kreuzberger Wohnung vor drei Jahren auf der Seite Airbnb. Etwa drei Mal im Jahr hat er seitdem Fremden seine Zwei-Zimmer-Wohnung überlassen und ist mit dem verdienten Geld in den Urlaub geflogen. Die Unterkunft buchte er meist auch über Airbnb. Zuletzt war er in Barcelona, in Kapstadt hat er sogar einen ganzen Monat verbracht. „Mit dem Geld aus den Mieteinnahmen konnte ich immer die komplette Reise bezahlen“, sagt er und klingt selbst ein wenig erstaunt.

Sowohl Couchsurfing als auch Airbnb werben damit, ein Zuhause in der Fremde anzubieten. Sie stehen aber für zwei völlig unterschiedliche Aspekte der Ökonomie des Teilens. Jana Leglin will eine Welt, in der Geld immer unwichtiger wird. Arno ist dank Airbnb zum Miniunternehmer geworden, er hat sich finanziell unabhängig gemacht. Airbnb nutzen aber auch große Immobilienbesitzer. Sie erwirtschaften mit der Plattform und ihrem Wohnraum viel Geld. Airbnb ist ein anschauliches Beispiel dafür, dass die „Sharing Economy“ auch Gefahren birgt – sofern sie missbraucht wird und so zum Beispiel hilft, dringend benötigten Wohnraum in einer Stadt zum Luxusgut für Weltreisende zu machen.

Gerade hat San Francisco ein Regelwerk speziell für Airbnb-Anbieter verabschiedet. Es könnte den Share-Charakter der Plattform retten, denn es schränkt die Gewinnmarge ein. Ganze Wohnungen dürfen nicht länger als 90 Tage im Jahr vermietet werden, und man braucht eine Lizenz. New York arbeitet noch an einem Gesetz, um Airbnb zu bändigen. Man wolle nicht so werden wie Berlin, sagte eine Senatorin, kürzlich in dem Zusammenhang. Dort seien ganze Stadtteile nicht mehr für den Mietmarkt verfügbar, weil nicht die richtigen Gesetze in Kraft waren.

Seit Mai gilt in Berlin das „Zweckentfremdungsverbot“, seitdem müssen Vermieter Ferienwohnungen beim Bezirksamt melden, ob Airbnb-Miniunternehmer wie Arno dazugehören, ist nicht klar. Sprecher Julian Trautwein sagt: „Im Berliner Gesetzestext ist der Abschnitt zu Ferienwohnungen leider unklar formuliert. Wir wissen einfach nicht, welche Regeln für Airbnb-Gastgeber gelten.“ Arno vermietet also wie bisher, wie 10 000 andere Berliner. Seinen Nachnamen will er wegen der unklaren Gesetzeslage lieber nicht in der Zeitung lesen. Nicht nur Arno verdient übrigens, wenn er seine Wohnung untervermietet. Drei Prozent des vom Vermieter aufgerufenen Preises behält Airbnb ein. Sein Gast zahlt sogar zehn Prozent Aufschlag auf den Preis an das Unternehmen.

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