Berlin : Shoppen statt beten

In Gatow soll eine Kirche einem Supermarkt weichen. Dagegen gibt es jetzt Widerstand

Thomas Loy

Pfarrer Jurytko war ein Seelsorger für Todgeweihte. Etwa 500 begleitete er zwischen 1943 und 1945 „aufs Schafott“, vor allem Wehrdienstverweigerer und Deserteure, die im Wehrmachtsgefängnis Spandau einsaßen, um auf die Vollstreckung ihres Urteils zu warten. „Manche von ihnen spüre ich noch zuweilen um mich“, schrieb Jurytko 1959, „ich habe ihnen ein Gedenken versprochen.“ Und er hielt sein Versprechen. Er baute eine Kirche, die zugleich Erinnerungsstätte für die Ermordeten sein sollte: St. Raphael in der Straße Alt-Gatow 49a.

Diese Kirche soll nun, fast 45 Jahre später, abgerissen werden, um Platz für einen Supermarkt zu machen. Befürworterin dieser Pläne ist ausgerechnet die Kirchengemeinde selbst. Gatow brauche dringend Einkaufsmöglichkeiten, heißt es. Die Kirche sei dagegen überflüssig, da die Gemeinde Gatow in der größeren Gemeinde Kladow aufgegangen ist und viele Gatower den schlichten Betonbau ohnehin als „Fremdkörper“ betrachteten. Dem verschuldeten Erzbistum spült der Verkauf des großen Grundstücks zudem viel Geld in die klamme Kirchenkasse. Aber was ist mit dem Gedenkort für NS-Opfer? Darf man so etwas einfach abreißen? „Nein, nein, nein“, wehrt Pater Klaus, der zuständige Pfarrer, ab, „das stimmt ja nicht.“ Zur Einrichtung einer Gedenkkirche für NS-Opfer sei es nie gekommen. „Das wurde vom Bistum nicht akzeptiert. In der Weiheurkunde ist nur von einer Pfarrkirche die Rede.“

Pfarrer Jurytko starb 1965, wenige Jahre nach Vollendung der Kirche. Von ihm sind nur Briefe bekannt, die er an den Architekten Rudolf Schwarz geschrieben hat. Schwarz, in Fachkreisen als renommierter Kirchenbauer bekannt, wollte kein Mahnmal mit Gedenktafel und Namen. Die Architektur selbst sollte das Leid und dessen geistige Überwindung manifestieren. „Der Entwurf sah vor, dass die Menschen durch einen dunklen Vorraum stufenweise ans Licht treten sollten“, erinnert sich Maria Schwarz, die den Bau nach dem Tod ihres Mannes vollendete. Die Stufen seien leider aus Geldmangel weggefallen, aber alles andere habe sie umgesetzt.

Maria Schwarz wirft dem Berliner Erzbistum vor, sich vor der Verantwortung für die Kirche zu drücken. „Die reden sich raus.“ Stefan Förner, Sprecher des Bistums: „Wir haben keine Gedenkstätte entweiht. Wir sind davon ausgegangen, dass die Idee des Pfarrer Jurytko nie Wirklichkeit geworden ist und keine Erdung gefunden hat.“ Der zentrale Gedenkort der katholischen Kirche für die NS-Opfer sei die Kirche Regina Martyrum nahe der NS-Gedenkstätte Plötzensee. Regina Martyrum entstand zur gleichen Zeit wie St. Raphael in Gatow. Rudolf Schwarz hatte damals den Wettbewerb für den Bau gewonnen, kam aber nicht zum Zuge. Sein Konzept konnte er dann zumindest teilweise in Gatow verwirklichen.

Langsam formiert sich in Architektenkreisen der Protest gegen den Kirchenabriss. Die Kirche in Gatow sei das einzige Werk von Rudolf Schwarz in Berlin, sagt Luise King, Professorin für Stadtplanung an der TU. Für sie ist der Bau auch eine „Pioniertat“ des Gedenkens an Deserteure und Befehlsverweigerer in der Wehrmacht. „Diesen eine besondere Erinnerungsstätte zu widmen, war 1961 offensichtlich noch umstritten.“

Tatsächlich hob der Bundestag die Urteile der NS-Kriegsjustiz erst 1998 auf. Vier Jahre später wurde am Murellenberg nahe der Waldbühne, wo viele Deserteure erschossen wurden, ein Kunstprojekt zur Erinnerung an die Opfer realisiert. Dass es schon einen Gedenkort geben könnte, war offenbar niemandem bewusst. Rainer Klemke, Gedenkstättenreferent in der Senatskulturverwaltung, ist von der Diskussion völlig überrascht. „Die Kirche taucht in den Verzeichnissen der Gedenkstätten nicht auf.“ Große Lust, das zu ändern, hat er nicht. „Nicht angenommene Gedenkstätten haben wir in Berlin schon genug.“

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