Berlin : Showdown in Berlin

Ein Demokrat und ein Republikaner haben beim Tagesspiegel das Duell zwischen Bush und Kerry verfolgt

Lars von Törne

Zu Anfang sieht es nicht gut aus für den Präsidenten. Herausforderer John F. Kerry attackiert ihn wegen Versäumnissen bei den Staatsfinanzen, der Grippeimpfung und in der Arbeitsmarktpolitik – und George W. Bushs vielleicht eifrigster Unterstützer außerhalb der USA starrt mit versteinertem Gesicht auf den Fernseher und wirkt gar nicht glücklich.

Henry Nickel, 25 Jahre jung und Chef des deutschen Ablegers der US-Republikaner, ist zu Beginn der gestern früh auf CNN übertragenen Debatte nicht begeistert, wie sich sein Präsident schlägt. „Er ist in der Defensive“, murmelt er.

Das freut den Mann, der an diesem Morgen neben Nickel sitzt: Jerry Gerber, 74 Jahre alt und Mitgründer der „Democrats Abroad“. Er verfolgt die Debatte auf Einladung des Tagesspiegels zusammen mit Nickel. Der Demokrat nickt, lächelt zu Beginn der Debatte oft über Bushs Äußerungen und wirkt zufrieden mit Kerry.

In der zweiten Hälfte wendet sich das Blatt. Als Kerry sein Rentenkonzept erläutert, schlägt Republikaner Nickel die Hände über dem Kopf zusammen: „Das ist falsch und voller Widersprüche!“, ruft er. Und als Kerry Bush vorwirft, er integriere die Schwarzen nicht, da schüttelt sogar Demokrat Gerber skeptisch den Kopf: „Der hat doch Colin Powell und Condoleeza Rice in seiner Regierung“, sagt er. „Hey, jetzt vertreten Sie meine Seite“, erwidert Nickel und grinst.

Die beiden Amerikaner in Berlin – Nickel ist Unternehmer, Gerber Journalist im Ruhestand – verfolgen die Debatte konzentriert. Hin und wieder macht sich Nickel über den Dialekt von Kerry lustig oder gähnt, wenn der Herausforderer Altbekanntes wiederholt. Gerber äfft im Gegenzug das Dauergrinsen von Bush nach oder witzelt über dessen früheren Alkoholismus. Am Schluss sind sich die beiden aber in einem einig: Es war die beste Debatte bislang. „Endlich ist klar, was die beiden unterscheidet“, freut sich Nickel. Das sei in den vergangenen Wochen, in denen er als Wahlkämpfer überall in Deutschland Amerikaner besucht hat, nur schwer zu vermitteln gewesen. „Sehr gut, wie klar beide ihre Positionen deutlich gemacht haben“, urteilt auch Gerber. Wer der Sieger des Tages ist? Nickel fand zwar Kerry bei Themen wie Familie und Homosexuellen-Ehe „genauso überzeugend wie Bush“. Auch habe der Demokrat optisch „präsidialer“ gewirkt. Inhaltlich aber habe Bush gewonnen, findet Nickel. Für Gerber ist das Match hingegen knapp an Kerry gegangen. „53 Punkte für die Demokraten, 47 für die Republikaner – Kerry hat einfach die bessere Zukunftsvision.“ – „Das sehe ich anders!“, entgegnet Nickel. Und schon sind die beiden im Streit über Afghanistan und Irak. Stoff für viele weitere Debatten.

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