Berlin : Sibylle Haberditzl (Geb. 1923)

Sie hatte gelobt, dem Mann auch in die DDR zu folgen.

Veronika de Haas

Wenn in der Küche Schnittlauchschnittchen und russische Eier serviert wurden, dann tagte der Literatursalon. Ab sieben klingelte es an der Haustür, die Gäste kamen herauf, vorbei an den unzähligen Büchern und Bildern, die die Treppe säumten; zunächst wurde gespeist und geredet, im Salon wurde geraucht. Gegen neun eröffnete Sibylle Haberditzl die Sitzung. Vornehm gekleidet, die Augenbrauen stark betont, saß die energische Dame auf dem Rokokobänkchen, referierte zu dem Werk, das auf der Tagesordnung stand und eröffnete die Diskussion. „Was erzählst du denn, du hast doch Proust noch nie gemocht!“ herrschte sie schon mal einen Andersmeinenden an.

Schon als Kind war sie beste Gesellschaft gewöhnt. Sie wohnte in Dahlem; mit ihr gingen Adelstöchter, Botschafter- und Literatensprösslinge in die Lehranstalt für Mädchen im Ursulinenkloster. Die Ideologie des Nationalsozialismus hatte dort wenig Einfluss, der Feingeist überwog. Das anschließende Studium war ganz selbstverständlich: Geschichte, Germanistik und Latein.

Die Studienzeit in Tübingen blieb ihre liebste Erinnerung. Den ganzen Tag lesen, reden, diskutieren. Auch die große Liebe traf sie da. Weil es sich dabei aber um den katholischen Studentenpfarrer handelte, hielt die Liaison nur so lange, bis er verraten und versetzt wurde. Jahrzehnte später noch, wenn sie sich trafen, hatte Sibylle Haberditzl ein Leuchten in den Augen.

Nach dem Krieg zitierte die Mutter ihre ältere Tochter zurück nach Berlin. Die Familie brauchte alle Kräfte für den Unterhalt. Und für den gemeinsamen Kampf gegen die Wiederbewaffnung Westdeutschlands. Sibylle nahm eine Stelle am Dreilinden-Gymnasium in Zehlendorf an und blieb dort bis zur Rente.

Zu Hause stritt sie sich häufig mit der Mutter, die war ähnlich impulsiv. Politisch hingegen waren sie einer Meinung. Die Mutter war mit Gustav Heinemann und Johannes Rau in der „Gesamtdeutschen Volkspartei“ aktiv. Sibylle beteiligte sich an den politischen Treffen – gewiss aus Überzeugung, aber auch auf der Suche nach interessanten Menschen und nach einem Mann. Bislang waren alle durchgefallen, weil sich Sibylle keinem unterordnen mochte. Aber eines Tages brachte Robert Havemann, Mutters Kontaktmann in Ost-Berlin, seinen Assistenten aus dem chemischen Institut mit.

Wenn Sibylle sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, bekam sie das. Herrn Werner Haberditzl schnappte sie sich noch am selben Abend als Begleitung fürs Theater. Ein Jahr danach heiratete sie den sanften Mann und stillen Denker, Chemiker und Kommunist. Zwei Kinder bekamen sie, sie lebten in West-Berlin, und weil er einen österreichischen Paß hatte, durfte er nach dem Mauerbau an der Humboldt-Universität weiterarbeiten.

Ein Mann, der zur Arbeit in den Osten fuhr, eine Mutter, die dazuverdienen musste – in Dahlem gab es das nicht oft. Die Haberditzls jedoch befanden sich in Aufbruchstimmung, die Welt musste verändert werden. Nicht die Westmächte, die Sowjetunion war das Vorbild. Werner und Sibylle ergänzten sich in ihren politischen Ambitionen. Zu Hause beschwerten sich die Kinder über das ewig gleiche Essen, das der Vater aus der DDR mitbrachte. Heimlich befürchtete auch Sibylle, daß der Arbeiter- und Bauernstaat ihre bürgerlichen Ansprüche nicht befriedigen konnte. Zur Eheschließung hatte sie gelobt, dem Mann auch in die DDR zu folgen. „Ich hab’s gesagt, aber ich hätte es nicht gemacht!“, sagte sie später.

Im Unterricht war sie nicht missionarisch, aber ihren Eifer und auch Übermut hat sie sich nicht nehmen lassen. „Seid mutig, hinterfragt alles, wehrt euch, habt eure eigene Meinung“, trichterte sie den Schülern ein. Auf Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg trat sie auf, in der Schule gab es Konferenzen und Elterninitiativen für und gegen „die rote Sibylle“. Der Beamtenstatus rettete sie vor heftigeren Konsequenzen.

Viele Schüler verehrten sie für ihren Enthusiasmus und die Begeisterung, mit der sie unterrichtete. So brennend sie sich für ihre Fächer interessierte, so wenig für die alltäglichen Dinge wie Haushalt oder Essen. Sie erzählte meisterhaft und viel, sie ordnete selbst den Takt, in dem sie das Gaspedal trat, dem Erzählrhythmus unter. Mitunter war das sehr anstrengend: Ein verschwundener Zeitungsartikel ließ sie stundenlang schreien und weinen. Manchmal war es lange still in der Wohnung, bis man sie plötzlich rennen hörte. Wohin? Zum Bücherregal.

Werner starb Anfang der Achtziger, sie ging in Rente. Deutschland wurde wiedervereinigt, der linke Traum ad acta gelegt. Einmal im Monat tagte der Literaturzirkel, täglich kam die FAZ ins Haus. So verging die Zeit. Plötzlich konnte sie nicht mehr schwimmen, laufen, lebendig sein, wie sie wollte. Sie hörte nicht mehr gut. Immer war sie eine energische Person gewesen, impulsiv und dominant, jetzt forderte das Alter seinen Tribut. Das war doch wohl kein Leben!

Eine ehemalige Schülerin, die das Pflegeheim leitete, in das sie schließlich kam, fragte: „Was möchten Sie denn?“ – „Sterben!“, schallte es schroff zurück. Und weil immer geschah, was Sibylle Haberditzl sich in den Kopf gesetzt hatte, musste sie nur zwei Monate warten. Veronika de Haas

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