Berlin : Sich dem Herzen hingeben

Die Altlutheraner bewahren die Traditionen

Claudia Keller

Die Altlutheraner kämpfen gleich an zwei Fronten: gegen die römische und gegen die evangelische Amtskirche. Das Wilmersdorfer Gotteshaus der „selbständigen evangelisch-lutheranischen Kirche“, wie sich die Altlutheraner offiziell nennen, ragt denn auch wie eine Trutzburg aus grauem Beton hoch auf inmitten der Gründerzeithäuser der Nassauischen Straße. Ein riesiges Stahlkreuz prangt an der Vorderfront. Der Kirchenraum dahinter mit seinen hellgrauen Holzbänken und Emporen, mit den unverzierten weißen Wänden wirkt hingegen überraschend hell und freundlich. Durch die hohen Fenster scheint die Wintersonne.

Dass die vielen Kirchgänger, die kurz vor zehn Uhr die Treppen heraufeilen, zu einer verschworenen Gemeinschaft gehören, zeigt sich schnell: Alle können der komplizierten Liturgie, die recht katholisch anmutet, mühelos folgen, sie wissen genau, wann ihre Stimme bei den häufigen Wechselgesängen gefragt ist. Auch das nizänische Glaubensbekenntnis (nach dem Konzil von Nizäa 325 n. Chr.), das auch in vielen orthodoxen Kirchen gesprochen wird, kommt ohne Stocken über ihre Lippen. Die Altlutheraner behaupten, die wahren Nachfolger Martin Luthers zu sein, und widersetzen sich seit dem 19. Jahrhundert liberalen Strömungen der evangelischen Landeskirchen. Sie weigerten sich, der Union der lutherischen mit den calvinistisch-reformierten Protestanten beizutreten, die 1830 durch das preußische Königshaus forciert wurde. Viele der damals in die USA oder nach Russland ausgewanderten Preußen nahmen ihre lutherische Gesinnung mit und konservierten sie. So sitzen alte Frauen mit bunten Kopftüchern in den Kirchenbänken in der Nassauischen Straße, zugewanderte Russlanddeutsche, die hier eine neue Heimat gefunden haben.

Pfarrer Markus Fischer predigt über das Gleichnis vom ungerechten Verwalter (Lukas 16). Dieser erlässt den Schuldnern seines Herrn eigenmächtig Schulden, worauf er entlassen wird. Richtig so, sagt der Pfarrer. Man soll „sich der Unruhe des Herzens hingeben“ und dem Gewissen folgen, auch wenn es den Vorgesetzten und der Obrigkeit nicht passt. Nach diesem Motto haben die Altlutheraner ihre Tradition bis heute bewahrt, ohne staatliche Hilfe. Wer sich gegen die Umwelt abschottet, kann allerdings auch nicht sehen, dass Veränderung eine Chance sein kann.

0 Kommentare

Neuester Kommentar