Berlin : Sicherheit für Kinder: Ein Vater spendet Spiegel für Lastwagen

Berliner startet Aktion gegen den toten Winkel. Doch nur wenige Firmen nehmen sein Angebot an

Carola Padtberg

Die Fakten aus Holland sprechen für sich: Um die Hälfte ist dort die Zahl der schweren Fahrradunfälle zurückgegangen, seit Lastwagen mit speziell geformten Spiegeln ausgerüstet werden müssen. Doch hierzulande ist Umdenken in Gewerbe und Politik ein zäher Prozess. Über die 150 Euro teuren Spiegel wird zwar diskutiert, doch nichts passiert. Ein Privatmann hat nun die Initiative ergriffen: Martin Keune, Inhaber der Werbeagentur „Zitrusblau“, spendet Firmen diese so genannten Dobli-Spiegel. Sie verringern den toten Winkel von 38 auf vier Prozent.

„Ich erlebe mit meinem neunjährigen Sohn fast jeden Tag gefährliche Situationen im Straßenverkehr“, sagt Keune. Aufgeschreckt haben ihn auch Nachrichten wie diese: Vor vier Wochen geriet der neunjährige Dersu mit seinem Kinderfahrrad unter einen Sattelzug. Der Junge starb sofort am Unfallort. Fünf Stunden später tötete ein Laster einen 59-jährigen Fahrradfahrer. In beiden Fällen hatten Lkw-Fahrer die Radler im toten Winkel allem Anschein nach übersehen.

Keune will andere Eltern ermutigen, seinem Beispiel zu folgen: „Politiker vernachlässigen die schwachen Verkehrsteilnehmer. Als Kunden müssen wir Eltern jetzt die Initiative ergreifen.“ 15 Berliner Fuhrunternehmen hat Keune seine Spende von Dobli-Spiegeln angeboten. Die Spedition Kraaz aus Neukölln reagierte sofort und wird bald die neuen Bauteile an die Windschutzscheiben dreier Lkw klemmen. „Wenn mich die Spiegel überzeugen, lasse ich alle meine Lkw umrüsten“, sagt Inhaber Wolfgang Kraaz.

Doch die meisten Spediteure interessierte Keunes Angebot gar nicht. Außer Kraaz wollte nur ein weiterer die Rückspiegel anbringen. Viele hatten nie etwas von dem Spezialspiegel gehört; sie warfen das Fax direkt in den Mülleimer. Manche glaubten dem Spender Keune nicht, andere halten Dobli-Spiegel schlicht für überflüssig. „Unsere Lkw sind vorschriftsmäßig ausgestattet – das reicht“, sagte ein Spediteur aus Friedenau dem Tagesspiegel.

Auch Martin Kreß, Geschäftsführer der Spedition Haberling, schenkte dem Angebot Keunes keinen Glauben. Erst auf Nachfrage des Tagesspiegels geriet er ins Grübeln: „Ich habe selbst zwei kleine Kinder, die gerade Fahrrad fahren lernen“, sagt Kreß, „und auch für die Fahrer sind diese Spiegel sicherer.“ Er will nun auf eigene Kosten umrüsten.

Große Unternehmen reagieren schneller als die mittelständischen Betriebe und rüsten ihre Fuhrparks freiwillig um. Die BVG etwa stattet alle 1400 Omnibusse mit Zusatzspiegeln aus. Auch die Automobil-Hersteller Mercedes und Volvo sowie der Aldi-Konzern wollen ihre Lkw verkehrssicherer machen.

„Bisher hat die Regierung zwar versagt. Jetzt aber machen Schulen, Eltern und Verbände auch den Politikern Druck“, sagt Benno Koch, Berliner Fahrradbeauftragter. Ende April lädt der Senat daher zum Workshop „Toter Winkel“. Hier bereiten Experten gemeinsam mit Dobli-Erfinder van Waes die Bundesratsinitiative der Länder Berlin und Brandenburg vor. Sie hat eine ähnliche Vorschrift wie in den Niederlanden zum Ziel.

Wer schon jetzt Unfälle verhindern will, kann den Dobli-Spiegel jederzeit selbst anbringen. Zu kaufen gibt es ihn bei der Firma Winkler Fahrzeugteile in Dahlwitz-Hoppegarten. Dort steigt der Absatz von Spiegeln in Deutschland ständig. Aus Berlin allerdings ist Martin Keune der Einzige, der in diesem Jahr Spiegel bestellt hat.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar