Berlin : Sicherheit für Polizisten: Ordnungshüter sollen schneller zur Pistole greifen

Jörn Hasselmann

Die Polizei prüft nach den Schüssen auf einen Feuermann, ob die Ausrüstung, die Bewaffnung und die Ausbildung ihrer Beamten noch zeitgemäß ist. Gegen den 26-Jährigen, der am Sonntagnachmittag in Lichtenberg einem Polizisten die Dienstwaffe aus dem Holster gerissen hatte und drei mal damit feuerte, erließ ein Richter gestern Haftbefehl. Der Mann ist der Polizei bekannt, allerdings nur wegen kleinerer Delikte. Über sein Motiv gibt es noch keine Erkenntnisse. Polizeipräsident Saberschinsky verteidigte das so genannte Schnellziehholster und die Waffe der Polizei. Tatsächlich kann man einem Beamten die "Sig Sauer" problemlos aus der Tasche ziehen und feuern - entsichert werden muss das Modell P6 nicht; sie muss laut Dienstvorschrift schussfertig getragen werden.

Landesschutzpolizeidirektor Gernot Piestert kündigte an, dass zukünftig bei Einsätzen und Routinekontrollen die Polizisten schneller zur Waffe greifen werden. "Daran muss sich der Bürger gewöhnen. Wenn sich einer darüber beschwert, stehe ich hinter meinen Leuten." Das heiße aber nicht, dass mehr geschossen werde: "Wir können nicht einfach einen umflammen, bloß weil er eine Gefahr darstellt", sagte Piestert. Unterstützt wird Piestert von der Gewerkschaft der Polizei: "Die Bevölkerung wird sich daran gewöhnen müssen, dass Polizisten vermehrt mit gezogener Pistole einschreiten", teilte GdP-Vize Detlef Rieffenstahl mit. Auch Piestert kündigte an: "Ab sofort trage ich meine Waffe wieder."

Bei dem Einsatz hatten die Beamten der ersten Funkstreife, eine Frau und ein Mann, ihre Waffen zunächst nicht gezogen. Denn alarmiert wurde die Streife zur "Unterstützung eines Rettungswagens" ohne genauere Angabe, dass der Betroffene entweder unter starken Drogen steht oder in einer extremen psychischen Ausnahmsituation.

Polizeipräsident Saberschinsky korrigierte und präzisierte gestern das Geschehen in der Lückstraße. Demnach habe beim Eintreffen der Funkstreife der 26-Jährige den Rettungsassistenten der Feuerwehr im Schwitzkasten gehabt. Mit "einfacher körperlicher Gewalt" sollte der Feuermann befreit werden. Bei diesem Gerangel gelang es dem Mann, die Waffe des einen Polizisten aus dem Holster zu ziehen und dreimal zu feuern. Eine Kugel durchschlug aus nächster Nähe die Schulter des 41-jährigen Feuerwehrmanns. Im Magazin waren acht Patronen. Nach den Schüssen zog die Kollegin des Beamten ihre Waffe, schoss aber nicht, weil Passanten in der Nähe standen.

Nach den drei Schüssen flüchtete der Täter zu Fuß über die Lückstraße und richtete dabei die Pistole an seinen Kopf und auf die Beamten. Erst dem besser postierten Beamten einer zweiten Streife gelang es, mit einem Schuss in den Fuß den Täter zu stoppen und festzunehmen. "Wie aus dem Lehrbuch" habe der Beamte gehandelt, lobte Piestert, "besser kann man es nicht machen".

Das Schnellziehholster verteidigte Saberschinsky - gleichzeitig kündigte er jedoch an, dass eine Kommission Ausrüstung und Bewaffnung überprüfen werde. Auch beim Polizistenmord in Walluf (Hessen), hatte der Täter einem Beamten die Dienstwaffe aus dem Holster gerissen und sofort gefeuert. Der Gesamtpersonalrat der Polizei verlangte angesichts der Serie von Gewalt "sofortiges Handeln". GdP-Vize Detlef Rieffenstahl forderte mehr Schutzwesten sowie mehr und besseres Eigensicherungstraining.

Derzeit gibt es für 17 000 Polizisten nur 4000 Westen. "Für mehr fehlt das Geld", bedauert Saberschinsky. Dass die Westen sinnvoll seien, bestreitet keiner. Auch der Feuerwehrmann hätte vermutlich mit Weste nur einen blauen Fleck abbekommen, sagte Piestert. Für die Feuerwehr stellt sich das Thema nicht. "Wenn wir es mit angetrunkenen oder psychisch auffälligen Menschen zu tun haben, bekommen wir mal Fußtritte oder Prügel ab", sagte Feuerwehrchef Broemme - das sei aber selten. Dem angeschossenen Rettungsassistenten geht es nach Auskunft Broemmes etwas besser, er ist aber schwerer verletzt als angenommen.

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