Sicherheit in Krankenhäusern in Berlin : Der Patient - eine ständige Bedrohung

Nach den tödlichen Schüssen im Benjamin-Franklin-Krankenhaus wird nun über Sicherheit im Krankenhaus diskutiert. Wie am Flughafen soll es nicht werden.

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Metalldetektoren? Mehr Sicherheitspersonal? Nach den Schüssen im Franklin-Klinikum wird jetzt über die Sicherheit in Krankenhäusern diskutiert.
Metalldetektoren? Mehr Sicherheitspersonal? Nach den Schüssen im Franklin-Klinikum wird jetzt über die Sicherheit in...Foto: Hannibal Hanschke/REUTERS

Schmuck ablegen, Handy raus, Flüssigleiten nur im Plastikbeutel, dann durch den Metalldetektor. An die Sicherheitsvorkehrungen an Flughäfen haben wir uns inzwischen gewöhnt. Muss man das Prozedere bald auch beim Arzt über sich ergehen lassen? Am Dienstag tötete ein Patient einen Chirurgen im Benjamin-Franklin-Klinikum der Charité in Steglitz.

Der schwerkranke Mann erschoss erst seinen langjährigen Arzt und dann sich selbst. Nun wird über die Sicherheitsvorkehrungen in Krankenhäusern debattiert. „Krankenhäuser sind offene Häuser“, sagte Charité-Vorstandschef Karl Max Einhäupl am Dienstag auf einer Pressekonferenz nach der Tat.

Und der ärztliche Direktor ergänzte: „Wir können aus der Klinik keinen Flughafen machen. Mit diesem Risiko müssen wir leben.“

Ständige Bedrohung durch Patienten

Allerdings: Angriffe durch Patienten sind nicht selten. Vor allem Rettungssanitäter werden regelmäßig attackiert. Auch Mediziner, die mit drogenabhängigen Menschen arbeiten, oder in der Psychiatrie sind solchen Risiken ausgesetzt.

Günther Jonitz, der Präsident der Berliner Ärztekammer, sagte am Tag nach der Bluttat: Mediziner und Pflegekräfte lebten ständig mit der Bedrohung durch einige Patienten. Leider gehöre dies zu den weniger erfreulichen Aspekten des Berufs.

Die Tat vom Dienstag sei jedoch die eines einzelnen, offensichtlich gestörten Mannes gewesen. „Eine grundlegende Verunsicherung resultiert daraus nicht“, sagte Jonitz. „Wichtig wäre aber mehr Personal und damit mehr Zeit für Patienten zu haben.“ Dann könne man in einigen Fällen sich anbahnende Aggressionen möglicherweise erkennen.
Ähnlich sieht das Carsten Becker, langjähriger Pfleger und Mitglied des Charité-Personalrates: Die Tat am Dienstag habe man wohl kaum verhindern können, auch nicht durch mehr Security.

Dennoch müsse man über Strategien nachdenken, der zunehmenden Gewaltbereitschaft bestimmter Patienten zu begegnen. Die Gewerkschaft Verdi hatte dazu vor einigen Jahren zu einer Tagung eingeladen. In Heimen, Bussen, Ämtern werden immer wieder Beschäftigte angegriffen – Gewerkschafter berichten, vor allem Krankenschwestern und Ordnungsamt-Mitarbeiter würden bedroht, bespuckt oder geschlagen.

Mit Schinkenklopfer attackiert

Von Geschrei, Beschimpfungen und Drohungen erzählt auch Frauenarzt und Pränatalmediziner Rolf Becker. Aggressive Ehemänner oder Patientinnen seien in seinem Job keine Seltenheit. Vor einiger Zeit musste der Ehemann einer Patientin von der Polizei abgeführt werden, weil er sich nach einer Auseinandersetzung geweigert hatte, die Praxis zu verlassen, und den Arzt wüst beschimpfte.

Becker selbst wurde noch nie angegriffen, kennt aber genug Erzählungen aus seinem Umfeld.

„Eine Patientin hat einen meiner Kollegen in seiner Praxis mit einem Schinkenklopfer attackiert. Danach wollte sie einen Termin in unserer Praxis. Wir wussten von dem Vorfall und haben Vorkehrungen getroffen. Und wir waren nicht allein bei der Untersuchung“, erzählt Becker.

Nach dem tödlichen Schuss auf einen Arzt im Benjamin-Franklin-Klinikum müsse jeder Mediziner aber selbst wissen, ob er Sicherheitsvorkehrungen in seiner Praxis verstärken wolle. Ein generelles Gefühl der Angst gibt es seiner Meinung nach aber nicht.
Die Debatte über Sicherheit im öffentlichen Raum entstand nicht erst nach dem Vorfall im Benjamin-Franklin-Klinikum. Nach dem Amoklauf von München und dem Anschlag in Ansbach spricht ganz Deutschland über die Balance zwischen Sicherheit und Freiheit.

„Man darf jetzt keine übereilten Entscheidungen treffen“, sagte Oliver Heide, Vize-Geschäftsführer der Berliner Krankenhausgesellschaft. Die Diskussion um Sicherheit sei eine gesamtgesellschaftliche, unabhängig von dem Vorfall am Dienstag im Franklin-Klinikum.

Das sei ein Einzelfall, es gebe kein generelles Angstgefühl unter Ärzten, Schwestern oder Pflegern.
Mehr Wachpersonal oder Metalldetektoren würden vielleicht ein subjektives Sicherheitsgefühl befriedigen, aber kaum einen Einzeltäter stoppen.


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