Sicherheit : S-Bahn wurde 400.000 Kilometer zu spät gewartet

Die S-Bahn mit dem Riss im Rad hatte die zulässige Laufleistung weit überschritten. Das Unternehmen prüft jetzt, warum es den Vorfall verschwieg. Das Eisenbahn-Bundesamt ist informiert.

Klaus Kurpjuweit

Die Sicherheit der S-Bahn wurde offenbar noch mehr missachtet als bisher bekannt war. Das Rad, dessen Riss, wie gestern in einem Teil der Auflage berichtet, dem aufsichtsführenden Eisenbahn-Bundesamt erst nach mehreren Wochen gemeldet worden war, hatte nach Tagesspiegel-Informationen die zulässige Laufzeit bei Weitem überschritten. Demnach war die Bahn 1,6 Millionen Kilometer mit dem Rad gefahren; nach 1,2 Millionen Kilometer hätte es routinemäßig ausgewechselt werden müssen. Als der Riss Ende Juni entdeckt worden war, hatte die damalige S-Bahn-Geschäftsführung die Frist zum Rädertausch sogar bereits auf 650 000 Kilometer halbiert, weil am 1. Mai ein Zug nach einem Radbruch entgleist war.

Das Eisenbahn-Bundesamt hatte Anfang Juni 380 der vorhandenen 500 Viererzüge der neuesten Baureihe 481 stilllegen lassen, nachdem die Aufsichtsbehörde festgestellt hatte, dass sich das Unternehmen nicht einmal an die erste Zusicherung gehalten hatte, die Räder alle 1,2 Millionen Kilometer zu wechseln. Die damalige Geschäftsführung begründete ihr Verhalten mit „Kommunikationsschwierigkeiten“ bei den Zusagen an das Amt. Die vier Geschäftsführer mussten am 2. Juli ihre Ämter abgeben, ihr Vertrag mit der Bahn gilt aber weiter. Deshalb werden sie auch weiter bezahlt.

Warum der erneute Riss an einem Rad von der – alten – Geschäftsführung nicht gemeldet worden ist, wird nun untersucht. Als neuer Geschäftsführer habe er dies erst jetzt erfahren und unmittelbar danach das Eisenbahn-Bundesamt unterrichtet, sagte S-Bahn-Chef Peter Buchner dem Tagesspiegel.

Dass das Rad einen Riss hatte, zeigte eine zweite Untersuchung im Juli. Auch daraus wurden nach bisherigem Stand keine Konsequenzen gezogen. Insider schließen nicht aus, dass der Informationsfluss in den Wirren des Wechsels bei der Geschäftsführung unterbrochen worden ist. Für möglich gehalten wird aber auch ein bewusstes Verschleiern, um die Mängel in der Wartung zu verstecken.

Anfang September war hier aufgedeckt worden, dass auch die Bremsanlagen der Bahnen nicht vorschriftsmäßig gewartet worden waren. Das Eisenbahn-Bundesamt ließ daraufhin erneut den größten Teil der Fahrzeuge aus dem Verkehr nehmen, was wiederum zu drastischen Einschränkungen im Betrieb führte. Von Montag an will die S-Bahn immerhin wieder auf allen Strecken fahren; meist weiter mit kürzeren Zügen als üblich und oft nur alle 20 Minuten.

Fahrgäste seien durch den erst jetzt bekannt gewordenen Riss nicht gefährdet gewesen, heißt es bei der S-Bahn. Bei der ersten Prüfung sei der Riss von außen nicht zu erkennen gewesen. Der aufmerksame Mitarbeiter habe bei der Kontrolle aber Verdacht geschöpft, der sich bei der Nachprüfung bestätigt habe. Bruchgefahr für das Rad bestehe aber noch nicht, wenn sich der Riss erst bildet. Nur wenn nichts dagegen unternommen wird, kann das Rad brechen. Deshalb reichen für das Eisenbahn-Bundesamt die derzeitigen Kontrollfristen für die Räder und Achsen aus, die alle sieben Tage stattfinden.

Das Rad mit dem nicht gemeldeten Riss soll am 17. Juli auch Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) bei einem Besuch in der Hauptwerkstatt Schöneweide gezeigt worden sein. Dass ihr ein Rad mit einem Riss präsentiert worden war, bestätigte Junge-Reyer am Sonnabend. Für sie sei dies aber nur ein Beispiel gewesen. Dass es ein Schaden war, der nach dem Radbruch vom 1. Mai entdeckt und nicht gemeldet worden war, sei für sie nicht erkennbar gewesen. Deshalb sei der Riss bei den weiteren Gesprächen mit dem Bahnvorstand auch nicht erwähnt worden.

Nach dem Besuch in der Hauptwerkstatt hatte Junge-Reyer mitgeteilt, sie habe den Eindruck, dass es „sehr ernsthafte Bemühen gebe, die alten Fehler, die das Unternehmen in eine beispiellose Krise gestürzt haben, wieder wett zu machen.“ Klaus Kurpjuweit

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