Berlin : Sicherheitslage für Politiker: Ein rätselhafter Überfall

Holger Stark

Der Fall galt als Beispiel dafür, wie angespannt die Sicherheitslage für Politiker in Berlin ist. Als in der Nacht zum 7. Juni eine unbekannte Person die grüne Bundestagsabgeordnete Angelika Beer mit einem Messer attackierte, warnten Politiker aller Parteien vor weiteren Zwischenfällen. Doch genau ein halbes Jahr nach dem Messerangriff gehen die Ermittler nicht mehr davon aus, dass es sich um einen politisch motivierten Überfall handelte. "Für ein solches Motiv gibt es keinerlei Anzeichen", sagte ein Beamter. "Das, was ursprünglich vermutet worden war, ist wohl falsch."

Direkt nach der Attacke in der Nacht des 6. Juni war darüber spekuliert worden, dass möglicherweise linke Kriegsgegner oder Neonazis hinter dem Überfall stehen könnten. Inzwischen halten die Ermittler ein privates Motiv für wesentlich wahrscheinlich.

Am 7. Juni hatte ein Chauffeur die verteidigungspolitische Expertin der grünen Bundestagsfraktion gegen 0.30 Uhr nahe ihrer Wohnung in Mitte abgesetzt. Am Ende des zweiten Hofes nahe dem Eingang zum Hausflügel war nach Schilderungen von Angelika Beer eine unbekannte Person von hinten an sie herangetreten und hatte ihr vermutlich mit einem Handschuh oder einem Stück Stoff den Mund zugehalten. Wegen des Rucksacks, den Angelika Beer auf der rechten Schulter trug, kam der Täter oder die Täterin nicht hautnah an sie heran. Auf Grund des festen Griffs vermutete Angelika Beer einen Mann als Angreifer, aber genau weiß man das bis heute nicht. Als sie sich aus der Umklammerung herauswinden wollte, stach der Unbekannte zu und verletzte die Politikerin an zwei Stellen am linken Arm. Anschließend flüchteten beide - Beer in ihre Wohnung, der Angreifer auf die Straße.

Wortlos sei der Überfall gewesen, sagte Beer später. Auch Flugblätter oder ähnliches fanden die Ermittler nicht. Auch die Tatwaffe ist bislang nicht aufgetaucht. Genau genommen wissen die Fahnder nicht einmal sicher, ob es sich um ein Messer oder einen anderen scharfen Gegenstand handelte. Die Wunden, die Frau Beer noch in der Nacht in der Charité nähen ließ, lassen mehrere Möglichkeiten zu. "Wir haben keinerlei nachvollziehbare Beweismittel", sagt ein Ermitter. Nichts - außer der Schilderung von Angelika Beer.

Den Ermittlern ist der Fall deshalb "völlig rätselhaft". Derart wenige Spuren oder Anhaltspunkte gibt es selten. Auch Nachforschungen im persönlichen Umfeld von Angelika Beer brachten keine weiteren Erkenntnisse. "Das passt alles nicht richtig zusammen", sagt ein Fahnder. "Da gibt es viele Merkwürdigkeiten."

Der Fall Beer hatte im Juni Aufsehen erregt. Boulevardzeitungen und Kamerateams waren noch in der Nacht am Tatort. Seitenweise berichteten vor allem BZ und Kurier, nannten die Adresse der Politikerin und brachten großflächige Fotos - bis sich Angelika Beer beschwerte und den Schutz der Privatsphäre anmahnte. Angelika Beer hätte den Umgang mit dem Überfall am liebsten wenig spektakulär gehalten. Am Tag danach hielt sie eine Pressekonferenz zu einem anderen Thema ab, und auch ein halbes Jahr danach lässt ihr Büro mitteilen, es gebe "nichts Neues" und "keine weitere Stellungnahmen". "Ob wir jemals aufklären, was und wer hinter dem Fall steckt", sagt ein Ermittler, "ist ausgesprochen fraglich."

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