Berlin : Sicherheitsstufe 4 für die gefährlichsten Viren der Welt

Das Robert-Koch-Institut bekommt ein neues Labor. Es wird durch mehrere Schleusen geschützt

Werner Kurzlechner

Sicherheitsstufe 4, mitten in Wedding: Der Hochsicherheitstrakt ist durch vier Schleusen geschützt, im Labor kümmern sich Forscher in Astronautenanzügen um die gefährlichsten Viren der Welt. Dort, wo ab 2011 keiner mehr seine Schutzhandschuhe ausziehen darf, steht zurzeit eine Skulptur: zwei Hände, deren Finger emporweisen. Sie werden noch in diesem Jahr abgebrochen, ebenso wie das Backsteingebäude an der Seestraße mit der Hausnummer Elf und ein unscheinbarer Flachbau mit grünen Fenstern. Ab kommendem Jahr baut der Bund auf dem Gelände des Robert-Koch-Instituts (RKI) sein erstes Labor der höchsten Sicherheitsstufe vier. Glaubt man den Experten, sollte das bei den Anwohnern keine Ängste wecken, sondern ihre Sorgen vor eingeschleppten Krankheiten und den Folgen möglicher bioterroristischer Angriffe mildern. Der Berliner Forschung soll das neue Labor als Zierde dienen.

Momentan findet RKI-Präsident Reinhard Kurth die Situation geradezu peinlich. Bei einer Handvoll Verdachtsfällen im Jahr obliegt seinem Institut die erste Diagnose, bei der die Viren abgetötet werden. Auch womöglich von Terroristen mit Erregern bestückte Päckchen landen erst einmal beim RKI. Erhärtet sich jedoch der Verdacht auf unbekannte Erreger oder auf solche, die wie Ebola oder Lassa-Fieber in die höchste Gefahrenstufe eingeordnet sind, muss das RKI die Proben an Einrichtungen in Hamburg und Marburg weitergeben. Diese Transporte kosten Zeit und erfordern einen hohen Sicherheitsaufwand. „Es kann nicht sein, dass der Bund im Notfall um Hilfe bitten muss“, sagt Kurth. Frankreich und Großbritannien verfügten längst über zentrale Labore.

Die Idee zum Neubau wurde nach den Anschlägen auf das World Trade Centre am 11. September 2001 geboren. Nun ist alles geregelt: Das Bundesfinanzministerium stellt für Baumaßnahmen auf dem Gelände an der Seestraße rund 110 Millionen Euro zur Verfügung; das für Genehmigung und Aufsicht zuständige Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) gab im November grünes Licht. Wenn alles fertig ist, können tödliche Viren in Wedding zu Ende untersucht werden. Im Alltag sucht das RKI im Labor mit gentechnischen Methoden nach neuen Therapien.

Laut Kurth werden sich die Mitarbeiter nicht um die Tätigkeit im Superlabor reißen: „In den Schutzanzügen ist es sehr warm, diese Arbeiten sind daher sehr anstrengend.“ Nur etwa zehn Wissenschaftler dürfen über ein vierräumiges Schleusensystem und mehrere Desinfektionsduschen das Fort Knox der Virenforschung betreten. Sie hantieren unter erhöhtem Risiko, denn hin und wieder stechen sich Forscher beispielsweise mit infizierten Kanülen. „Solche Unfälle sind dramatisch“, heißt es im RKI, „stellen aber keine Gefahr für Anwohner dar.“

Zum Schutz der Bevölkerung ist das Labor mit eigener Strom- und Wasserversorgung ausgestattet, ein ausgeklügeltes Filtersystem reinigt die Luft. Die Forscher arbeiten an Sicherheitswerkbänken, in denen Unterdruck ein versehentliches Herausströmen der Erreger verhindert. Das Lageso attestiert den Vorkehrungen, sie seien auf dem neuesten Stand der Technik. Das Amt wird die Bauarbeiten begleiten und auch regelmäßig kontrollieren, wenn das Labor seinen Betrieb aufgenommen hat. Gelangen trotz allem Viren nach draußen, greift ein Notfallplan. Laut RKI macht aber schon das Sonnenlicht die Erreger in aller Regel unschädlich. Auch ein Brand oder die Explosion einer Bombe würde die meisten Viren gleich mitvernichten.

Vielleicht wäre manchen Nachbarn dennoch wohler, läge das Labor nicht vor der eigenen Haustür. Doch das Lageso wertet den Standort direkt neben dem Virchow-Klinikum der Charité mit seiner Quarantäne-Station und dem einzigen Lehrstuhl für Infektiologie in der Bundesrepublik ausdrücklich als Plus für die Sicherheit der Bevölkerung: Krankheiten könnten so schnell wie möglich diagnostiziert werden, gefährliche Transporte fallen weg. Das RKI setzt auf Synergien zwischen dem Hauptstadtlabor und diversen Einrichtungen des Gentechnikzentrums Berlin. „Man baut Sicherheitslabore heute in Städten und nicht mehr auf einsamen Inseln“, sagt Präsident Kurth.

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