Berlin : Sichtwechsel

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VON TAG ZU TAG

Fatina Keilani fährt derzeit Rad und hat deshalb eine andere Perspektive

Ach, welcher Lustgewinn, mit dem Rad zur Arbeit zu fahren! Wenn bloß diese rabiaten Autofahrer nicht wären. Sie biegen ab, ohne zu gucken, sie fahren rechts so scharf ran, dass kein Radler mehr durchpasst, sie hupen, schneiden und manchmal brüllen sie sogar, und es hat einfach nicht den Charme des Geschreis in, sagen wir, Italien. Fast erblickt man in ihnen sowas wie den natürlichen Feind, bis – ja, bis man sich mal wieder entschließt, selbst das Auto zu nehmen. Welch wunderlicher Wandel vollzieht sich da bloß? Diese Radfahrer! Entfesselte Anarchos, die aus allen Richtungen kommen, gern auch gegen die Einbahn, die von hinten quer rüberschneiden, oft in unüberblickbaren Rudeln, und die womöglich noch wütend aufs Blech klopfen, obwohl man ihnen gar nichts getan hat. Der Autofahrer erschrickt, die Knöchel der ums Lenkrad gekrampften Finger treten weiß hervor, bald brüllt er. Warum? Wahrscheinlich hat er es mit der Angst zu tun. Es ist wohl die Horrorvision eines jeden Autofahrers, einmal einen Menschen über den Haufen zu fahren. Kommt er einem, ungeschützt wie er ist auf dem Rad, vor den Kühler, ist der Schreck groß und entlädt sich in der Anklage, der andere spinne ja wohl. Dabei ist man bloß erleichtert, dass es nochmal gut gegangen ist. Schöne Theorie? Mit dieser Lesart glauben wir wenigstens an das Gute im Menschen.

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